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Wie
ein Grashalm
am Wegesrand
Eine Liebesgeschichte über eine "unbedeutende"
Begegnung
Wenn eines Tages meine Zeit auf dieser
Welt zu Ende geht und mein Lebensfilm noch einmal vor mir abläuft, will
ich mich nicht an die besonderen Erlebnisse erinnern, die ich unbedingt haben
wollte.
Es werden die kleinen, banalen Grashalme am Wegesrand des Lebens sein, an die
ich mich erinnern will.
Von einem dieser Grashalme handelt meine Geschichte.
Als ich im Dezember 2004 von der
Flutwelle in Asien hörte, war es ein ganz tiefer Stich. Wir haben uns daran
gewöhnt, von Katastrophen zu hören und selten streift eine von ihnen
unser Leben.
Diesmal war ich nicht persönlich betroffen - oder doch? Ich hatte nicht
Hab oder Gut verloren noch war jemand zu betrauern.
Ich hatte etwas wiedergefunden.
Es ist seltsam, welche Wege das Leben geht und so mag es sein, daß wir glauben, die bedeutenden Dinge, die wir tun, könnten Großes vollbringen. Vielleicht sind es die ganz unbedeutenden Gesten am Rande, die das können.
Vor sieben Jahren war ich das erste Mal in Sri Lanka. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, so, als würde ich nach Haus kommen. Alles war so fremd und gleichzeitig hatte ich das Gefühl alles zu kennen. Ich ließ mich verzaubern, ließ zu, daß sich jedes Bild, das ich vor meinen Augen sah, in meinem Herzen verankern konnte. Noch heute muß ich nur die Augen schließen um wieder dort zu sein. Um genau die Bilder zu sehen, als würde es Zeit nicht geben.
Inmitten dieser Fülle von Liebe, die ich für dieses Land empfand, fanden auch alle Menschen, denen ich begegnete ihren Platz. Keiner war zu nervig, zu häßlich, zu albern ... das Wort "zu" gab es hier nicht. Alles war gut, wie es war. Alles war nur ein einziges "es ist".
Ariyapala, von dem meine Geschichte handelt, war einer von vielen Singalesen, die mir in diesem Urlaub begegneten. Ein Urlaub, der keiner war. Es war keine Urlaubsreise. Es war eine Reise zu mir, eine Reise in mich selbst, eine Reise fort von einem inneren Gefängnis in eine seltsame Freiheit aus Gedankenlosigkeit und Leben.
Als wir uns begegneten, sah ich ihn nicht als Strandhändler. Nicht als Verkäufer, nicht mal als Mann. Er war einfach Mensch, so wie ich. Er gehörte zu all dem hier, war Teil und nicht wegzudenken aus einer Einheit, die ich liebte - und ihn in ihr.
Ich fühlte, daß er meinen Blick verstehen - aber nicht einordnen konnte. Heute weiß ich, daß ich ihn so ansah, wie Menschen einander ansehen sollten. Ohne Gedanken, ohne Scheu, ohne Urteile. Einfach nur sehen. Einfach nur offen. Und irgendwo verstand er und war überrascht.
Ich kenne ihn nicht. Was auch immer ich in diesem Urlaub über ihn erfahren habe, war belanglos und nicht einmal wichtig. Einzig wichtig war, was ich in seinen Augen sah. Wir sprachen nicht viel miteinander, für eine bedeutendere Unterhaltung auf der Ebene von Touristin zu Singali war mein Englisch nicht tief genug.
Ich weiß, im Grunde trafen wir einander nur immer wieder am Strand, um uns zu sehen. Anzusehen. Mit eben diesen Augen, die in den anderen eintauchen können und keine Worte brauchen. Es kam mir merkwürdig vor, mich mit ihm zu unterhalten. Es war so, als wäre Sprache zu unbeholfen.
Als der Abschied kam, dachte ich noch, es würde mir leicht fallen zu gehen. Was hatten wir denn gemeinsam? Was war denn geschehen? Mein Denken war überzeugt, daß ich keine Schwierigkeiten haben würde. Ein paar freundliche Worte, ein paar nette Blicke waren das, mehr nicht. Es existierte nichts zwischen uns, was mein Denken bemerkt hätte.
Als ich mich von ihm verabschiedete, ging die Sonne langsam unter. Es war unwirklicher, später Nachmittag. Er stand vor mir, sah mich an und sah wieder weg. Alles was wir hätten tun können, war, ein paar Worte zu verwenden. Aber es fielen weder ihm noch mir welche ein.
Mein Denken verstand nicht, was hier vor sich ging. Ich verabschiedete mich, drückte ihm die Hand und ging. Was war denn schon zwischen uns?!
Ich stand in meinem Hotelzimmer -
noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Doch was tat ich hier? Wieso verschwendete
ich die Zeit hier? Ich gehörte nicht hierher, ich gehörte nach unten
- ich konnte nicht gehen, ohne ihn noch einmal zu sehen.
Als ich aus dem Hotel trat, sah ich ihn zusammen mit einigen Freunden auf dem
Boden hocken. War ich schon vorbei für ihn?
Einer seiner Freunde sah mich und tippte ihn an. Er hob den Kopf und sah mich an mit dem ungläubigsten Blick, den ich je gesehen habe. Ganz langsam erhob er sich, so, als könne er das Bild zerstören, das vor ihm stand. Er lachte nicht.
Ich lächelte, ging auf ihn zu und umarmte ihn. Was um alles in der Welt verband mich mit ihm? Er legte sanft die Hände auf meine Rücken, als könne er noch immer nicht glauben, daß ich da war.
Als ich ging, hatte ich das Gefühl nun wirklich alles getan zu haben für einen würdigen Abschied. So war es richtig. Nur ein Händedruck, das war zu wenig.
Ich kam zum Bus und sah ihn dort
stehen. Er war um das ganze Anwesen gelaufen um mich hier noch einmal zu treffen.
Ich schloß kurz die Augen. Nur das nicht!
Doch da war er und ich sah die Tränen in seinen Augen. Als ich ihn noch
einmal umarmte, und er mich ganz fest, ahnte ich bereits, daß nichts mehr
so sein würde wie zuvor, wenn ich losließ.
Es gibt nur wenige Situationen im
Leben, in denen man ganz deutlich spürt, daß das Leben einen Wendepunkt
nimmt. Daß sich etwas ändern wird für immer, ohne daß
man weiß was es ausgelöst hat. Nichts wird mehr so sein wie es noch
eine Sekunde zuvor war.
Bei einer Katastrophe ändert sich so vieles innerhalb von Sekunden, und
jeder kann es sehen.
Hier änderte sich mein Leben und niemand außer mir fühlte das.
Ich sehe noch heute die Stufe des Busses vor mir. Ich sehe wie ich sie betrat und nichts schien mehr wirklich einen Sinn zu haben. Alles was vorher voller Sinn für mich war, verlor ihn. Alles was völlig banal war, erhob sich Stufe für Stufe. Unaufhaltsam und ich war mitten in einer Achterbahnfahrt - zwei Stufen Bus nach oben.
Ich war ein vollkommen anderer Mensch, als ich mich auf dem Sitz niederließ. Was war das? Was tat ich hier? Und wer war ich? Es war doch so leicht, auszusteigen, einfach nur zu ihm zu gehen, zu dem Menschen, den ich nicht einmal kannte. Ich blieb sitzen, als wäre mein Körper kein Teil von mir, als wäre ich ganz woanders. Verlaufen in einer Welt, die ich zum ersten Mal betreten hatte - meine Welt. Mich selbst.
Wir sahen einander nur an. Durch
die Scheibe. Er legte die Hand an die Scheibe, ich die meine von Innen auf die
seine. Und zum ersten Mal spürte ich schmerzlich was Materie bedeutet.
Glas - so nah und doch so fern.
Er wandte sich um und ging, ich wußte, daß er weinte.
Als der Bus fuhr, fühlte ich schmerzhaft ein Band zerreißen. Ging es hier wirklich um ihn? Ging es hier um Verliebtsein? Oder war es etwas ganz anderes. Ein Wandel, ein Ändern, ein Nie-wieder-wie-vorher?
Den ganzen Weg zurück nach Hause verbrachte ich in einer Art Agonie. Etwas war gestorben, etwas wuchs gerade und in diesem Dazwischen ging die Zeit mit Einatmen und Ausatmen dahin. Als ich meine Wohnung betrat, betrat ich die Wohnung einer Fremden. Ich kannte sie nicht. Sah, was sie in den Regalen stehen hatte und verstand nicht, was daran wichtig war. Ich sah die Möbel, die Bücher, die Kleidung - nichts hatte etwas mit mir zu tun. Die Andere war fort - ich war an ihrer statt hier eingesperrt.
Als einen Monat später sein
Brief kam, war ich sehr berührt. Ich hatte ihm gleich geschrieben, so als
ob wenigstens auf diese Weise eine kleine Verbindung real wurde. So als ob mit
dem Stift auf dem Papier auch seine Augen vor mir auftauchen könnten.
Er schrieb, daß er schon mit vielen Touristen zu tun gehabt hatte, aber
verliebt hatte er sich nur in mich.
Ich wußte, daß das keine Lüge war. Ich wußte es einfach.
Er schrieb, wie sehr er mir vertraute, was er normalerweise nicht tat und immer
wieder - daß ich kommen solle.
Und immer wieder wollte ich nichts mehr als das.
Die Monate gingen ins Land. Ich war wieder dort, zwei Jahre später. Ich traf ihn nicht und war irgendwo froh darüber. Vielleicht wollte ich einfach nicht erleben, daß er mich nicht erkannte.
Noch immer war die Erinnerung an
diesen Wandel damals stark. Doch inzwischen war aus der Gewißheit Erinnerung
geworden, ein starkes Klopfen im Inneren, daß da etwas war - etwas Wichtiges.
Etwas, das Ich war. Etwas, das im Alltag immer wieder unterlag. Aber
niemals mehr verschwand.
Ich habe mein Versprechen wahr gemacht - ich habe ihn niemals vergessen.
Als ich von der Flut in Asien hörte, fühlte ich, daß es mehr in mir traf als nur eine schöne Erinnerung. Es traf einen Teil von mir.
Einige Tage lang dachte ich, es würde
diesem Ort nichts passiert sein. Einige Tage lang dachte ich, ich würde
es nicht tun müssen - nach ihm zu suchen. Einige Tage lang dachte ich,
es könnte mir egal sein, ob ich jemals erfahre wie es ihm geht. Ob er lebt,
ob er gesund ist, was aus ihm geworden ist.
Einige Tage hoffte ich, mein Leben könnte so bleiben, wie es gerade war.
Es war sieben Jahre her. Längst wußte er doch nicht mehr, wer ich war. Er war vielleicht verheiratet, glücklich irgendwo, vielleicht schon längst weggezogen. Vielleicht war sonst was passiert in den Jahren und ihn zu finden wäre so unmöglich wie die Nadel im Heuhaufen. Ein paar Tage lang glaubte ich mir das.
Dann betete ich zu Gott. Und ich
fühlte, daß dieses Gebet etwas inniger, etwas intensiver war als
alle anderen vorher. Da war noch etwas, und es ließ mir keine Ruhe.
Es war nicht mehr Liebe für ihn, wie es das nach meiner Abreise gewesen
war. Die Jahre hatten die Narben geglättet. Ich hatte Fotos von ihm, doch
sah ich nichts besonderes mehr, wenn ich sie ansah. Er war einfach ein Mann,
einer von vielen, die dort lebten. Es war eine schöne Zeit gewesen, ja.
Aber die Jahre waren darüber gegangen wie Wind über Sandstein.
Doch ich fühlte, es blieb noch etwas zu tun. Wie ein Echo in der Zeit.
Ich gab aufs Gradewohl seinen Namen im Internet ein. Ich weiß selbst nicht, warum ich das tat. Die Chance, ihn zu finden, war eins zu einer Million. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich ihn fand? Es gab ein Interview, das man nach der Flut geführt hatte. Unter anderem auch mit ihm. Er lebte also! Das konnte nur er sein, es stimmten viele Einzelheiten. Ich war beruhigt, aber noch nicht ruhig.
Es gibt keine Zufälle und so führte mich mein Gebet über den Weg des Internets zu einer lieben Freundin, die ich auf der Suche nach ihm kennenlernte. Auch sie liebte Sri Lanka so wie ich, auch sie hatte sich dort in einen Mann verliebt, auch er lebte in demselben Ort. Ich fand alles, was ich mir gewünscht hatte und viel mehr. Ich fand eine Freundin, ich fand eine Möglichkeit mit Ihm Kontakt aufzunehmen und fühlte einen Kreis sich schließen.
Als ich erfuhr, daß er sich sehr wohl an mich erinnern konnte und unglaublich froh war, von mir zu hören, spürte ich in mir eine sanfte Kraft, die eine Aufgabe zu Ende brachte. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand.
Was konnte ich denn schon tun, hatte ich mich gefragt. Ja, ich hatte gespendet, gleich als erstes nach der Flut. Aber war das genug? Gäbe es nicht mehr, was zu tun wäre? War es gut, wieder eine Tagesordnung zu finden, so selbstverständlich, während einst gekannte Menschen am anderen Ende der Welt keine mehr finden würden?
Plötzlich fiel mir eine Zen
Geschichte wieder ein:
Es herrschte eine große Dürre, in der alle Pflanzen verdorrten. Selbst
die größten und stärksten Bäume verdursteten. Es war nur
eine einzige kleine Quelle übriggeblieben, die noch ein paar Tropfen Wasser
hatte. Neben ihr blühte eine kleine Blume, während rings herum alles
in der Sonne verbrannte.
"wozu ist das gut" jammerte die Quelle "wem nützt es, das
bißchen, was ich mache!"
Ein alter Baum, der neben ihr stand, sprach zu ihr, bevor er starb:
"Es ist nicht deine Aufgabe, die ganze Wüste zu bewässern. Deine
Aufgabe ist nur, einer einzigen Blume Leben zu geben."
Und da verstand ich dann auch:
Was würde in mir vorgehen,
wenn ich an seiner Stelle wäre? Wenn eines Morgens meine Welt zerfallen
wäre? Von einem Meer, welches ich mein ganzes Leben lang kenne. Welches
vor mir liegt, wie ein schlafender alter Tiger. Harmlos und wenig beachtet.
Der sich plötzlich ohne Warnung und Entschuldigung erhebt, sich nimmt,
was vor ihm liegt, und sich niederlegt, als sei nichts gesehen. Der wieder friedlich
atmet und schlummert und niemand ihm mehr glauben kann.
Was wäre dann? Vielleicht hätte ich mein Haus nicht verloren und auch die meisten Freunde nicht. Doch selbst die, dich einfach nur neben mir lebten, wären Teil meines Lebens gewesen. Und wenn sie nun nicht mehr sind, würde mir erst auffallen, was mir fehlte.
Ich würde in den Resten meiner Existenz stehen und nur fühlen, daß ich keine Gedanken hätte, die mir das erklären könnten. Es wäre Leere in mir und nichts Faßbares mehr um mich herum. Ich würde spüren, wie mit der Welt außerhalb, auch die Welt in mir zerfällt.
Vielleicht würde ich es nicht gleich merken, vielleicht würde es langsam beginnen, wie ein Erdrutsch mit Kieseln beginnt. Ich würde in den Augen der anderen die gleiche Leere sehen und nichts, was festen Halt in meinem Inneren gäbe.
Vielleicht wären die, die Angehörige verloren hätten, auf eine kranke Art besser dran. Weil sie trauern könnten, weil es für sie faßbarer wäre dieses: nicht-mehr-wie-vorher. Weil es einen Namen hätte und ein Gesicht, dem sie ein Stück weit folgen könnten in ihrer Trauer. Weil sie einen Punkt zum festhalten hätten, weil das Nichts für sie nicht namenlos wäre.
Nicht so wie für mich, der ich vielleicht eigentlich Glück gehabt hätte. Und damit keinen Anspruch auf Trauer und Verzweiflung. Weil ich vielleicht selbst sehen würde, daß ich Glück hatte - und es mir doch nicht glauben könnte.
Wenn ich abhängig wäre von Reisenden, die kommen, was wäre ich dann, wenn sie nicht mehr kommen? Wenn es nicht mal meine Schuld wäre, wenn ich mich nicht mal erinnern könnte, womit ich das verdient haben könnte. Wenn es keine Antworten mehr gibt, weil alle Gedanken sich im Kreis verlaufen. Und jeder um mich herum dieselben Gedanken spinnt und selbst im Kreise geht.
Wenn ich nicht einmal mehr irgendwohin gehen könnte, weil überall dasselbe ist. Wenn die Sonne höhnisch am Firmament scheint und die Natur so tut als sei nichts geschehen. Wohin schwemmen mich dann meine Gedanken? Wo ist der Punkt, an dem ich mich festhalten kann?
Vielleicht - vielleicht wäre
dann ein unbedeutender Gruß von einem Menschen, der mir einst wichtig
war, sehr viel mehr als auf den ersten Blick scheint.
Weil es da noch jemanden gibt, der mich nicht vergessen hat. Der sich an mich
erinnert, in dem Moment, in dem ich den Boden verliere. Wie eine Stimme, die
ich hören, aber nicht fassen kann. Die ich auch gar nicht fassen muß,
weil es mir genügte, sie zu hören. Weil sie mir eine Richtung geben
könnte, weil sie die Orientierung in der Nacht sein könnte um einfach
nicht mehr im Kreise zu laufen.
Weil es der Punkt sein könnte, an dem sich die Gedanken fangen und abperlen könnten wie Wasser. Und einen Raum der Ruhe zurücklassen würden, den ich längst verloren hatte.
Weil es der Wandel sein könnte, der das Leben verändert, nachdem es sich unwiderbringlich verändert hat. Weil es die Hand sein kann, die nicht da ist, und die man trotzdem ergreifen kann.
Was auch immer zwischen ihm und mir gewesen ist - es waren nur Blicke, Telepathie, namenlos, wortlos. Doch das reichte, das war nötig, um mein Leben zu verändern. Nichts war mehr wie vorher, auch wenn die Jahre über die Welt gestrichen sind, so habe ich ihn doch nie vergessen - so wenig wie er mich. So wie er damals mein Herz berührte, und eine spröde gewordene Schale aufbrechen konnte, so kann ich das heute zurück geben.
Was auch immer für ein Mensch
er sein mag. Was auch immer für ein Charakter er sein mag, gemocht oder
nicht - es spielt keine Rolle.
In seinem Inneren lebt noch immer etwas, was er damals auch in meinem Inneren
gesehen hat. Über die Jahre mag auch das in Vergessenheit geraten sein.
Und mag gerade jetzt völlig verschüttet sein, so wie seine Welt.
Was auch immer sich entwickeln mag
aus diesem, eigentlich banalen Gruß - auch das spielt keine Rolle. Die
Zukunft spielt keine Rolle. Einzig wichtig ist das Jetzt.
Wenn es ihm nur ein wenig so geht, wie ich glaube das es mir an seiner Stelle
gehen würde, dann ist es gut für ihn zu wissen, daß er nicht
vergessen wurde - was auch immer für ein Mensch er sein mag. Jeder verdient
eine Chance, die mit einer Stimme in der Nacht beginnen kann.
So wie er nie erfahren hat, was diese wenigen Minuten damals für mich waren, so erfahre ich vielleicht nie, was mein Gruß für ihn bedeutet hat. Auch das spielt keine Rolle.
Nur eines spielt eine Rolle. Daß
wir zwar neuntausend Kilometer voneinander entfernt leben, doch uns zweimal
zur Wendezeit im Leben des anderen begegnet sind.
Und jeder dem anderen die Hand an die Scheibe legen konnte.
Füreinander - obwohl jeder im Leben des anderen nur ein Grashalm am Rande seines Weges ist.
Kerstin - Februar 2005