Tamilen vs Singali - und kein Ende

Inmitten dieses Friedens können wir uns gar nicht vorstellen, daß eigentlich Krieg in Sri Lanka herrscht. Seit Mai wurde eine Art Kriegszustand ausgerufen, war es vorher zwar nicht erlaubt, jedoch auf eigene Gefahr möglich, in die tamilischen Ecken vorzudringen, so ist es jetzt verboten.
Wenn die Menschen hier so freundlich sein können, wieso kommen sie miteinander nicht aus? Wir versuchen, dem auf die Spur zu kommen.

Ein nachdenklicher Blick

Sri Lanka ist so freundlich, das Land hat doch jetzt schon Platz für alle.
Wir Europäer dürfen uns nicht beschweren, wir haben selbst Probleme miteinander
...

Der Zwist zwischen Singali und Tamilen ist ziemlich mysteriös.
Der "grobgebildete Europäer" weiß nur ein paar Punkte. Die einen wohnen im Norden und sind Terroristen, die irgendwie selbstständig werden wollen. Die anderen wohnen im Süden und sind die friedfertigen Opfer.
Wenn man mal etwas über dieses Land in der Zeitung liest, dann eine Meldung über einen Bombenanschlag, irgendwo in der Rubrik "Sonstiges".
Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Zugegeben, es ist nicht ganz einfach, das Puzzle zusammenzubekommen. Jeder erzählt oder schreibt etwas anderes. Wer also genaueres weiß, oder mich korrigieren möchte, melde sich bitte. Vielleicht kriegen wir ja zusammen ein verständliches Bild hin.

Ich traf eine Touristin, die sich mit den Tamilen beschäftigt hatte. Sie sagte, es sei sehr schwer, Informationen zu bekommen. Es herrsche eine Nachrichtensperre, viele Berichte wären gefälscht. Sie wußte einige Fakten, die sie zusammengetragen hatte:
Demnach seien die Tamilen im Norden sehr arm, kaum mit dem Nötigsten versorgt. In vielen Familien gäbe es Todesopfer zu beklagen, Kinder würden in die Armee eingezogen - auch aus anderer Quelle erfuhr ich, das Kinder oft Märtyrer werden, weil sie für die "Sache" gefallen seien.
Die "friedliche" singalische Armee, sei gar nicht so friedlich. Auch sie würden im Grenzgebiet zu den Tamilen Dörfer überfallen und Familien ausrotten. Soweit die Informationen von ihr, inwieweit sie stimmen, kann ich natürlich nicht sagen.

Über den Osten erfuhr ich aus verschiedenen Reiseführern auch einige Fakten. Zuerst hatten die Tamilen nur den Norden besetzt und für ihr Eigentum erklärt. Dann den Osten. Die Ostküste ist weitaus schöner, mit endlosen weißen Sandstränden, ohne starke Monsunregen. Bestens geeignet für Tourismus. Es gab auch Hotels dort, die jedoch zerstört wurden.
Man sagt, sie seien von den Tamilen abgebrannt und geplündert worden. In einem Reiseführer las ich jedoch, daß ein Hotelbesitzer seine Hotelwäsche später im Garten des singalesischen Bürgermeisters auf der Leine sah.

Hans Extra, ein Kenner Sri Lankas und Leser meiner Erzählungen, korrigierte mich zu diesem Konflikt:
"...So kam beispielsweise einige Jahre nach der Unabhängigkeit das "Singhala only" auf und dies hat die spätere Eskalation des Jahrhunderte schwelenden Konfliktes im wesentlichen verursacht.
Man darf zum Beispiel auch nicht vergessen, dass die Rebellen (ich wäre vorsichtig mit dem Begriff Terroristen) Ihre eigenen Leute Repressalien aussetzen und sie erpressen. Auch werden Kinder als Soldaten rekrutiert und Frauen und Männer per Gehirnwäsche zu Selbstmord-Soldaten umerzogen. Andererseits ist es sicher richtig, dass die singhalesische Armee die Tamilen auch nicht gerade mit Samthandschuhen anfasst. Dort oben im Norden sieht es ja keiner meinen sie - ausser vielleicht das Rote Kreuz und die können nicht überall sein.

Tatsache ist auch, dass die Engländer Tamilen als Verwaltungsbeamte vorzogen, über die Gründe will ich nicht spekulieren. Die Herkunft der Tamilen siehst du falsch. Die Tamilen leben vermutlich schon ebenso lange in Sri Lanka wie die Singhalesen. Die Tamilen, von denen Du erzählst, entstammen einer niederen Kaste aus Indien und wurden erst während der Kolonialherrschaft der Engländer ins Land geholt, um in den Teeplantagen im zentralen Hochland zu arbeiten. Die Tamilen, die heute Ihren eigenen Staat fordern leben im Norden und Osten und die hätten niemals als Tagelöhner für die Engländer gearbeitet.

Der Norden ist tatsächlich - wie die gesamte Insel arm an Ressourcen - aber Tee wächst im Norden nicht. Die Tamilen im Norden sind beispielsweise Fischer (eine hochstehende Kaste), Wissenschaftler und Händler. Überhaupt legten die Tamilen des Nordens schon immer ziemlich großen Wert auf Bildung und Studium."


Gleichberechtigt sind die Tamilen in Sri Lanka auch nicht gerade. Ihre Sprache und Schrift wurde lange nicht anerkannt, hohe Ämter durften sie nicht begleiten. Erst seit einigen Jahren ist Tamil als zweite Sprache überall zu lesen.
Jaffna, eine der größten Städte ganz im Norden, sagte eine andere Touristin, sei eine Geisterstadt. Außerhalb gäbe es viele Flüchtlingslager tamilischer Familien, viele seien obdachlos und vertrieben, hätten bei Überschwemmungen auch noch den Rest verloren.
Die gefürchteten Tamil Tigers, die Untergrundarmee hätte viel Sympathie, seien die Einzigen, die sich "kümmerten". Um nicht von der Welt und der singalesischen Regierung - von der sie meinen ignoriert zu werden - vergessen zu werden. Ihre Lösung dafür ist Terrorismus

Der Konflikt wird noch etwas verständlicher, wenn man auch die "Gegenseite" anhört. Da hörte ich nämlich eine ganz andere Version von Samantha, unserem Kellner in der Villa Temple Flower. Ich wollte von ihm wissen, wie das mit den Tamilen wäre. Er gab ausführlich und ernsthaft Auskunft. Samantha ist ein Anhänger des Frieden, anders als manch andere Singali, die mehr auf Vernichtungsschläge bauen.
Er erzählte, daß es eigentlich die großen Mächte seien, allen voran Indien, die die Tamil Tigers förderten. Sie würden Geld bekommen und gute Waffen, denn Indien hätte einen Plan.
Die Inder hätten nun erlebt, daß die Tamilen bereits die Hälfte des Landes kontrollierten. Sollte es dazu kommen - was das Ziel der Tamilen ist - daß sie ein autonomes Gebiet bekommen, würde es Indien drauf anlegen, ganz Sri Lanka zu besetzen. Das käme denen nämlich gelegen, sie würden die Tamilen los, könnten noch mehr abschieben.
Die Tamilen aber, sagte er, wären über die ganze Welt verstreut. Sogar in Deutschland. Die Singali jedoch gäbe es nur auf dieser kleinen Insel. Die Tamilen könnten doch woanders hingehen, die seien überall zu Hause. Singali hätten nur das eine Land. Würden sie nachgeben, würden die Singali untergehen.
Sogar singalische Politiker hätten im Waffenhandel mitgemischt und gut verdient, sagt er.
Ich sage, ich hätte gehört, daß die Tamilen im Norden sehr arm seien. Samantha sieht mich überrascht an und lacht auf. Arm? Die sind nicht arm! In Jaffna gibt es nur reiche Leute. Die gesponsert werden von Indien und anderen interessierten Ländern. Geschäftsleute, die mit Waffen handeln. In Jaffna würden Leute in Palästen leben, mit mehr als zwanzig Zimmern! Die wären reicher als die Singali. Gut, räumt er ein. Es gibt natürlich auch Arme, genauso wie hier.
Samantha argumentiert fair, er glaubt, was er sagt. Ich lenke ein, die Schuld wäre sicher auf beiden Seiten und beide müßten von vorn anfangen.
Nein, sagt er. Die Schuld ist eindeutig auf der Seite der Tamilen. Sri Lanka würde einen normalen Krieg führen. An der Grenze, Soldat gegen Soldat. Die Tamilen jedoch würden feige die Zivilisten töten. Sie seien die eigentlichen Verbrecher.
Wie es weitergeht, will ich wissen. Er zuckt die Schultern. Verhandeln. Solange sie verhandeln ist noch Hoffnung.
Wollen wir es hoffen, solange Verhandlungen möglich sind, kann Krieg nicht normal sein.

 

voriges Kapitel

Nächstes Kapitel