Die Leute sind freundlich, aber...
Aber man sollte nicht den Fehler machen und Freundlichkeit mit Höflichkeit
oder gar Rücksicht zu verwechseln. Asiaten lächeln immer, freundlich
wird man begrüßt, freundlich wird einem hinterher gewunken, freundlich
lächeln die Menschen wenn man etwas kauft, oder auch nichts kauft. Es ist
angenehm. Man fühlt sich als Europäer wie zu Hause, den bei uns in
Deutschland gibt es das nicht. Da wird nur gelächelt, wenn man sich kennt
und mag, oder wenn man den anderen übers Ohr hauen will. Ebenso sind wir
Freundlichkeit gewöhnt in Verbindung mit:
"Ach bitte, gehen Sie nur vor. Nein wirklich, ich bestehe darauf!" oder
"Oh, kann ich Ihnen helfen?
Ja, selbstverständlich, nein, das macht keine Umstände!" oder noch
besser
"Nein, was für ein schönes Kleid Sie anhaben, und ihre Frisur, also
das steht Ihnen ausgezeichnet!"
Wobei wir natürlich wissen, daß da was anderes dahintersteckt. Doch
wollen wir Deutschen denn eigentlich wissen, wie die netten Menschen wirklich
denken? Daß sie sich denken - du Zicke, siehst vielleicht blöd aus
in dem Fummel? Nein, das interessiert uns ja gar nicht. Gelobt werden ist schön,
Rücksicht zu genießen ist schön, ob das ehrlich gemeint ist,
ist erst mal egal.
In Sri Lanka ist das völlig anders, auch daran mußten wir uns erst
gewöhnen. Zwar lernt man die "gewöhnliche" Freundlichkeit in Verbindung
mit Respekt und Rücksicht in Hotels kennen, deren Angestellten darauf trainiert
sind, doch kaum fahren wir solo durchs Land, bekommen wir die landesübliche
Nettigkeit zu spüren.
Da stelle ich mich an einem Fahrkartenschalter in Galle an - mit dem üblichen,
in Deutschland gewöhnten Individualabstand zum Vordermann von vielleicht
dreißig Zentimetern - da stellt sich eine kleine singalesische Oma vor
mich, ohne mich überhaupt zu bemerken. Nicht, daß sie sich vielleicht
frech vorgedrängelt hätte, sie nimmt überhaupt nicht wahr, daß
ich ernsthaft angestanden habe. Ich bin verblüfft, ringe kurz mit mir,
sie anzusprechen und zu fragen, was sie glaube, warum ich hier stehe, doch ich
reiße mich zusammen.
Kaum bin ich am Schalter angekommen, stelle ich fest, daß ich am falschen
stehe, was für mich nicht unbedingt eindeutig war. Kein Grund für
die Oma, mich als Ausländer zu sehen, der kein Singali kann. Kopfschüttelnd,
wortreich und laut macht sie mir in ihrer Sprache klar, daß man das doch
wohl lesen könne! (Ich verstehe, wie es Ausländern in Deutschland
gehen muß).
Wir warten auf dem Bahnsteig auf den Zug zurück nach Colombo. Als er endlich
kommt, scheint es um Leben und Tod zu gehen. Kein vernünftiges Einsteigen,
kein "Frauen und Kinder zuerst", kein Warten, wenn ein anderer schon auf den
Stufen zum Waggon steht. Alles drängelt, schiebt und schubst zur Seite,
als ginge es um die Evakuierung vor der Katastrophe.
Nun, das haben wir ja schon zweimal mitgemacht, also drängeln wir - vorsichtig
- mit. Natürlich sind alle Plätze besetzt. Wir bekommen einen Stehplatz
vor einer dicken Frau mit ihrer ebenso dicken Tochter. Der Kampf um die Gepäcknetze
beginnt, jeder wirft ein Gepäckstück hinein, alles wortlos, keine
Frage, ob man mal hier- oder daran dürfe, mit Schieben und Schubsen geht
es. Seltsam - keiner fragt höflich, aber auch niemand regt sich auf? In
Deutschland gibt es hingegen beides. Fragen und dann regen sich andere auf.
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Wir warten auf dem Bahnsteig in Galle. Noch ist kaum jemand da, das wird sich gleich ändern. |
So sieht es aus, wenn der Zug leer ist. Nur wenige stehen - in der Mitte auf dem Boden... |
...liegt bereits ein Passagier, der schlafen will. Niemand stört sich daran, alle steigen darüber. |
Der Zug ist voll. Wobei "voll" erst noch zu definieren ist. Jeder Sitzplatz
ist besetzt, in den Gängen stehen vielleicht je zehn Menschen. Für
unsere Verhältnisse ist das "voll". Für Singalische Verhältnisse
"leer".
Der Zug ruckt an, scheppert los. Eine Frau, die neben mir steht, besitzt ein
Handy, ist also reich, klappt eine Zeitung auf und liest. Daß sie mir
bei jedem Zugrucken ins Kreuz fällt, fällt ihr gar nicht auf.
Ein älterer Mann im karierten Sarong sitzt auf dem Boden zwischen zwei
Waggons, gleich neben der Tür. Eine gute Wahl, denke ich, erinnere mich
daran, daß wir es uns als Jugendliche auch ab und zu "geleistet" haben,
im Zug auf dem Boden zu sitzen. Natürlich unter den mißmutigen Blicken
der Umstehenden.
Der Mann lehnt sich an, versucht wohl zu schlafen, findet das unbequem und legt
sich hin. Mitten in den Gang, auf die Seite, dann auf den Rücken, streckt
sich aus, liegt lang und genauso breit wie der Gang ist. Er schließt die
Augen. Was passiert? Nichts!
Menschen drängeln sich durch die Gänge, als hätte der fahrende
Zug noch immer einen Ein- und einen Ausgang, durch den sich Passanten schieben.
Wohin sie wollen, ist unklar. Sie sehen den Mann, zögern, überlegen,
wohin sie treten könnten, suchen einen Platz für ihre Füße,
steigen darüber hinweg und gehen weiter. Ich sehe den Menschen verblüfft
ins Gesicht. Niemand, wirklich niemand kommt auf die Idee, sich über den
Liegenden zu ärgern. Ihn in die Seite zu treten, damit er sich trollt,
oder ihn anzusprechen, was das solle. Sie nehmen ihn hin, als sei er ein Stein
auf dem Weg, über den man zwar auch schimpfen kann, doch darüber steigen
muß man noch immer. Was nützt also das Schimpfen?
Die nächste Station, der Zug hält. Keiner steigt aus, doch Hunderte
anderer Leute steigen ein. Der Mann liegt noch immer, alles schiebt sich und
drängt sich über ihn. Er schläft.
In "unserem" Gang stehen nun vielleicht zwanzig Menschen. Die Dicke und ihre
Tochter schlafen, ab und zu kommt ein ebenso dicker Sohn vorbei, nein er quetscht
sich vorbei, um Essen von ihnen zu holen.
Wenn vor den Sitzen noch Platz ist, stehen dort auch Menschen, einige, die Glück
haben, sitzen auf den Seitenlehnen, wir können das nicht, die Dicke nimmt
allen Platz weg. Eine andere Frau kommt, schiebt mich zur Seite, stellt ihre
Tasche der Dicken vor die Füße. Ohne zu fragen, ohne auf die Idee
zu kommen, daß dies mein Stehplatz ist. Höflich habe ich ihr Platz
gemacht. Sie bleibt stehen. Wo soll nun ich hin?
Eine Frau setzt sich auf den Boden, nimmt ihre kleine Tochter auf den Schoß
und wiegt sie in den Schlaf. Eine andere stillt ihr Kind, Händler kommen.
Unverständliches schreiend, schieben sie sich durch die Gänge. Wohlbemerkt,
wenn der Zug vielleicht 400 Sitzplätze hat, so sind im Moment vielleicht
1500 Menschen an Bord.
Der erste Händler hat einen Eimer mit Äpfeln. Der zweite eine Pfanne
mit Fisch, durchdringend zieht der fettige Geruch durchs Abteil, die Dicke vor
uns kauft natürlich den Fisch. Ein dritter trägt Nüsse in kleinen
Tüten, ein Blinder tastet sich mit seinem weißen Stab hindurch, ein
Brett mit Losen vor dem Bauch. Ihm machen die Leute Platz, führen ihn,
zeigen ihm den Weg. Wortlos, nicht theoretisch, sondern praktisch.
Ein dicker Händler kommt, eine durchsichtige Kiste über sich, in der
Sandwiches liegen. Es ist so eng, daß er die Kiste auf einer Handfläche
über allen balanciert. Ich sehe argwöhnisch hinauf. Ein weiterer Behinderter,
klein, schmal, er hat einen Buckel und sein rechter Arm ist nur ein schlaffer
Schlauch, den er sich über den Linken gehängt hat. Gelähmt, nehme
ich an, er bekommt Geld von uns, bedankt sich und hinkt weiter - sein Leben
ist das Härteste von allen im Zug.
Drei Stunden geht diese Fahrt. In der ganzen Zeit gab es keine Höflichkeit
unter den Reisenden, jeder versuchte an sich zu denken. Es wurde geschubst,
geschoben, kein böses Wort fiel, kein "sorry" war zu hören und es
wurde gelächelt.
Endlich angekommen steigen wir aus. Das heißt, wir versuchen es. Thorsten
steht bereits mit dem Koffer neben sich auf der zweiten Stufe des Waggons, als
von draußen ein Mann einsteigt. Er wartet nicht, bemerkt nicht, daß
da gerade jemand aussteigt, robbt geradezu durch den Zwischenraum, drückt
sich an den Türrand, erst einen Arm, dann irgendwie den Körper, dann
den zweiten Arm, ohne sich umzuschauen, ohne zu zögern - seltsames Verhalten.
In derselben Art und Weise geht es die Überführung entlang und den
Ausgang hinaus. Endlich frische Luft! Endlich Platz. Doch trotzdem bleibt das
Gefühl, daß das alles hier ganz gewöhnlich war. Seltsam - zwischen
all der Frechheit war nicht eine Frechheit zu fühlen.
Wir warten auf den Fahrer, der uns abholen soll und erleben eine weitere, normale
Unverschämtheit. Ein gutgekleideter Mann holt uns ein. Drängt uns
Fragen auf nach dem woher und wohin, ob wir schon in Kandy waren und daß
er ein Gästehaus hat. Daß er uns ein Hotel zeigen kann und wie es
uns in Sri Lanka gefällt. Höflich, aber bestimmt, weisen wir ihn darauf
hin, daß wir kein Gespräch wünschen. Er verabschiedet sich,
trollt sich, wirft uns noch einige Flüche nach.
Wir warten noch immer, kurz darauf ist er wieder da. Er kann uns ein Taxi besorgen,
wir müssen nicht warten, kann uns zum Hotel fahren. Nein danke!
Schließlich finden wir unseren Fahrer. Thorsten geht schon mal hin zu
ihm, ich warte allein beim Gepäck. Eine halbe Stunde ist seit dem Ankommen
vergangen, da ist der Mann wieder da. Diesmal nicht höflich. Wütend
schreit er mich an, das hätten wir nun davon, er habe uns ja helfen wollen,
doch wir? (dachte er, ich stehe nun allein mit dem Gepäck da? Die Reaktion
ist mir schleierhaft)
Als der Fahrer kommt und unser Gepäck mitnimmt, kommt er ein viertes Mal.
Diesmal brüllt er laut und für alle vernehmlich über den Bahnhofsplatz,
daß er uns ja genau das schon seit einer Stunde versucht hat mitzuteilen:
nämlich daß genau dieser Mann auf uns wartet! Aber wir sind ja Europäer!
Was besseres! Wir wollen ja nicht hören! Hier seien die Leute noch höflich,
nicht wie in Europa, hier würde man sich noch um die Touristen kümmern!
- Das weiß nun der ganze Vorplatz, was für Menschen wir sind: nämlich
"no humans!"
Kopfschüttelnd gehen wir, fragen unseren Fahrer, wer das war. Er zuckt
die Schulter. Der will nur Geld von Touristen, sagt er.
Diese ganze höfliche Dreistigkeit ist gewöhnungsbedürftig für
Deutsche. Leicht kommt man in Versuchung sich darüber aufzuregen, obwohl
nichts davon als Angriff gedacht war. Eigentlich hilft nur: "wenn du in Rom
bist, mußt du dich wie ein Römer verhalten".
Daß genau das sehr hilfreich ist, erleben wir beim Rückflug!
Zum Flughafen ist es eine halbe Stunde Weg. Drei Stunden vorher sollen wir dort
sein? Das findet Joachims Sohn, der derweil die Villa Temple Flower führt,
etwas zuviel. Zwei Stunden genügen doch. Morgens um sieben soll der Flieger
gehen, wir brechen halb fünf auf. Nichts ahnend, was für einem Chaos
wir uns aussetzen!
Bereits acht Kilometer vor dem Flughafen beginnen die Kontrollen! Dort, wo Pauschal-reise-busse
durchgewunken werden, müssen sich Individualtouristen anstellen. Unser
Fahrer weiß das nicht, überholt die Stau-schlange, stellt nach einem
Kilometer fest, daß sich alles zu einer Sandsacksperre verengt, die nur
ein Auto durchläßt. Muß umdrehen, so wie hunderte andere und
sich hinten anstellen, wo bereits Hunderte neue Autos stehen. Warten, warten,
Zeit verrinnt. Der Flughafen noch nicht in Sichtweite, unser Fahrer wird nervös.
Die erste Kontrolle - gelassen umrunden uns Soldaten, winken weiter, Schrittempo,
neue Sandsacksperre, Es ist um sechs! Flughafen in Sichtweite.
Die nächste Kontrolle, ein Beamter geht mit einem Spiegel ums Auto, Soldaten
lassen die Unterarme über Maschinengewehre hängen, Krähen fliegen
über die Straße, ein Hund sucht ein Frühstück, es ist nach
sechs, eine Autoschlange vor uns.
Unter einer Überdachung vor dem Flughafen hängt ein Schild - halten
verboten. In drei Spuren stehen die Van`s und Autos, Touristen springen heraus,
Koffer werden geschleppt, vor der einzigen, schmalen Eingangstür steht
eine Traube von hunderten Touristen. Ein Kofferträger kommt, lädt
unser Gepäck auf einen Kulli, wehrt unseren Protest ab. Thorsten erwähnt,
daß wir kein Geld mehr haben, wortlos lädt er das Gepäck wieder
auf die Straße. Viertel sieben!
Wir stellen uns gleich an der Tür an. Ein älterer islamischer Mann
flippt aus. Brüllt Beschimpfungen, reißt uns an der Schulter herum,
weist nach hinten. Wir haben singalische Erfahrung! Bleiben stehen, sehen ihn
dumm an. Er brüllt und tobt weiter, wagt aber nicht, uns anzugreifen. Die
anderen ignorieren es. "Bullshit!" Schreit er "You think, you better, because
you white!!"
Nun, wir sind nur ruhiger, nicht besser.
Hunderte Leute - eine Tür, danach wird das Gepäck durchleuchtet, Leibesvisitation,
um die Ecke - eine neue Traube! Alle werden durch einen Schlängelgang aus
Gittern geschleust. Wir sehen bereits unseren Schalter: "Gate Closed 6:35" Es
ist sechs Uhr zwanzig.
Endlich am Schalter! Andere Touristen warten, die Beamten schwatzen. Doch die
anderen Taschen haben Aufkleber? Brauchen wir die? Ja, dort vorn muß das
Gepäck noch durchsucht werden, dort, wo die vielen Leute stehen. Also wieder
hin, singalisch vorgedrängelt, eine Beamtin durchwühlt es gelassen
mit den Händen.
Wir sind fast die Letzten am Schalter, bekommen zwei Plätze, die weit auseinander
liegen. Alles schon voll. Können wir nun an Bord? Nein, Ausreisetax bezahlen.
Eine weitere endlose Schlange, ein Mann mit Funkgerät ruft bereits die
Passagiere nach Frankfurt, wir dürfen vor. Zahlen, bekommen einen Aufkleber.
Anstellen für den Paßstempel. Endlich dran: wo ist die Embercation
Card? Keine Ahnung - woher bekommt man die? Dort hinten - zurück, ausfüllen.
Wir sind bereits völlig ruhig. Jede Aufregung hier würde mit einem
Herzinfarkt enden. Der "Bullshit"- Mann ist auch da, fliegt mit demselben Flieger,
ich verkrümle mich im Gewühl, er ist kurz vor dem Infarkt. Brüllt,
tobt, seine Tochter versucht, ihn von einem Mord an einem Beamten zurückzuhalten.
Endlich sind wir am Paß-stempler. Er sieht uns an, hustet, entschuldigt
sich, geht aufs Klo. Da stehen wir nun. Es ist kurz vor sieben, nach zwanzig
Metern sehen wir einsam "Boarding" für unsere Maschine blinken, denn alle
sind schon weg, doch wir haben noch ein paar Stationen.
Der Beamte kommt wieder, stempelt gemächlich, ganz entspannt gehen wir
zur nächsten Station. Der "Bullshit"-Mann erinnert uns deutlich, wie wir
auch aussehen könnten.
Ein kleiner Schreibtisch, ein Beamter mit Stempel in der Hand, der mit anderen
schwatzt. Was soll der machen? Er soll die Tax-bestätigungen abstempeln,
doch tut es nicht. Er schwatzt. Wie auf Kommando fliegen plötzlich alle
Tax-abschnitte auf seinen Tisch von den umstehenden Touristen, er stempelt wie
im Comic, ohne darauf zu achten und schwatzt weiter.
Handgepäckkontrolle - vorher jedoch müssen wir Platz machen für
die Crew, die Vorrang hat. Wir hoffen, es ist unser Pilot und warten, nur noch
zehn Meter. Sehr viel kann nicht mehr schiefgehen.
Im Bus sind wir nur noch sechs Touristen, die ebenfalls mit uns gelitten haben.
Wir steigen ins Flugzeug, alles wartet schon lange, suchen unsere letzten Plätze.
Gerade sitzen wir, da werden die Feuchttücher ausgeteilt. Kaum habe ich
das seufzend auf dem Gesicht liegen, fährt die Maschine zum Start...
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