Meditation im Tempel
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"Es ist so: wenn ein
vergangener Gedanke aufgehört hat und ein zukünftiger Gedanke
noch nicht entstanden ist, gibt es da nicht eine Lücke?" |
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Eines Abends werden alle Gäste eingeladen ins nahegelegene Kloster zur
Meditation. Wir bewaffnen uns vorsichtshalber mit Kissen und gehen neugierig
hin.
Der Obermönch Subhuti, von dem ich nicht weiß, welchen Rang es im
Buddhismus gibt, empfängt uns in seinem Privatraum. Er trägt einen
roten, keinen orangen Sari. Er mag vielleicht Mitte vierzig sein, mit kahlem
Kopf, stets ein Lächeln, das die makellosen Zähne zeigt.
Wir setzen uns um ihn, sehen ihn gespannt an und warten, was nun passiert.
Still sitzt er, faltet die Hände und lächelt uns an. Seit seinem sechsten
Lebensjahr ist er Mönch, ein wahrhaft ausgeglichener Mensch, dessen Ruhe
durch den Raum strahlt. Er spricht ein fehlerfreies englisch, möchte zuerst,
daß sich jeder vorstellt, fragt, was wir über das "Denken"
denken. Unsere Meinungen sind unterschiedlich, er lächelt und nickt nur,
hört zu, widerspricht nicht und zeigt jedem, daß er ihn versteht.
Dann beginnt er langsam über Meditation zu sprechen. Darüber, wie
wichtig es sei, daß jeder von uns dabei versuchen solle, seine Gedanken
zum Stillstand zu bringen. Es würde schwer sein und nicht auf Anhieb klappen,
doch das allein ist die Möglichkeit ganz in der Gegenwart einzutauchen
und Vergangenheit und Zukunft fallen zu lassen.
Für mich ist es sehr beeindruckend, einem Mönch wie ihm zuzuhören,
ich selbst meditiere seit einiger Zeit und weiß daher um die wohltuende,
bis in den Alltag reichende Wirkung. Seine würdevolle Ruhe und Gelassenheit
zeigen mir, daß ein wahrer Meditationsmeister zu uns spricht.
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Einige von uns haben noch nie meditiert und können auf Anhieb auch nicht
viel mit den tieferen Gedanken dahinter anfangen. Ich glaube, ohne persönliche
Beschäftigung ist es auch schwer, das in wenigen Minuten rüberzubringen.
In seinem kleinen, rustikalen Zimmer duften Räucherstäbchen. An den
Wänden hängen Buddhabildnisse, auf dem niedrigen Tischchen liegen
englischsprachige Bücher über Buddhismus. Das Zimmer eines Gelehrten,
der nichts nur als Schmuck herumstehen hat. Alles hat seine Bedeutung. Palmblätter
an der Wand erzählen in Singali und englisch von Buddhas Zitaten, Eine
Sammlung mit Lehren zum Thema "Be a leader not ab boss" wünschte
ich mir auf Arbeit auszuhängen.
Durch das geöffnete Fenster dringt Grillengesang, das Plätschern des
wieder angefangenen Regens auf den Blättern der Bäume. Es ist Nacht
geworden, Moskitos machen ihre Runden.
Dann bittet er uns zu seinem Privatschrein, zündet Kerzen und weitere Räucherstäbchen
an, von Band erklingt ein Mönchschor, der Mantras murmelt, eine sehr feierliche,
entspannende Stimmung breitet sich aus.
Wir knien nieder, jeder so, wie er es für bequem hält. Er selbst verneigt
sich vor seinem Schrein, berührt mit der Stirn den Boden, setzt sich im
Lotussitz auf ein Meditationskissen und schließt die Augen.
Wir alle schließen die Augen, da mir Meditation nicht fremd ist, gelingt
die Entspannung auch, einige andere können das nicht, sitzen dann nur und
warten. Die Zeit verfliegt, vielleicht eine halbe Stunde mag vergangen sein,
als der Mönch langsam und mit tiefer Stimme einige weitere Lehren zur Meditation
spricht, dann kann jeder wieder insich versinken.
Zum Schluß wartet er, bis jeder für sich die Meditation beendet,
und unterhält sich mit uns über unsere Erfahrungen während der
Meditation.
Mancher fand gar keinen Zugang, fand es nur interessant oder ulkig den anderen
zuzusehen, mancher wußte nicht, was genau er machen sollte. Subhuti hört
nur zu mit gefalteten Händen. Ich sehe ihm zu, noch nie bin ich einem Menschen
wie ihm begegnet.
Er lauscht, lächelnd und voller Anteilnahme einer jeden Schilderung. Keine
Mine, kein Wort, das er antwortet, läßt erkennen, ob er mit dem Gehörten
einverstanden ist oder nicht. Er wertet nichts, hört nur zu.
Selbst, als einer von uns ganz offen ausspricht, daß er den Gedanken der
Meditation zwar gut findet, die Praxis als solche aber für Unsinn hält,
bleibt er so ausgeglichen und entspannt, als habe er eben einem schönen
Gedicht gelauscht. Er nickt und fragt, wieso er es für Unsinn halte und
bekommt die Antwort, in Europa seien eben andere Dinge wichtig. Geldverdienen
sei wichtiger als meditieren, dafür gäbe es nun mal keine Zeit.
Ausführlich läßt sich Subhuti diesen Standpunkt erklären,
versucht nicht, ihn zu widerlegen, gibt nur einige weitere Anregungen, wünscht
ihm dann viel Glück. Ehrlich, und ohne Zynismus.
Es passiert selbst den angeblich ausgeglichensten Europäern, daß
sie, wenn sie auf eine andere Meinung stoßen, als die, die sie erwartet
haben, innerlich aufgewühlt werden. Sie mögen sich zusammenreißen,
bei dem, was sie sagen, doch man hört, daß sie nicht damit einverstanden
sind, heraus. Selbst, wenn sie es schaffen, den Gegenüber nicht verbal
anzugreifen, sondern fast gleichmütig zu klingen. Es ist immer, als müßten
sie ihre eigene Meinung verteidigen, den anderen überzeugen, ihn des Unrechts
belehren.
Dieser Mönch mit dem entspannten Gesicht, ist ein wahrer Buddhist. Ihm
liegt es fern, jemanden überzeugen zu wollen. Er ist frei von allen egoistischen
Wünschen. Er kann alles gelten lassen, selbst eine Meinung, die sich offen
gegen sein Heiligstes ausspricht.
Ich sehe ihn an und sehe einen Traum vor mir - einen Traum vom wahren Menschen.
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