Die Sache mit der Hochzeitsnacht
Gegen meine Pickel hat mir der Doktor eine leuchtend orange Salbe verschrieben.
Nun laufe ich herum wie ein Clown und Richard gesprenkelt mit braunen Punkten,
zur allgemeinen Belustigung.
Eines Tages kommen schon vormittags singalesische Männer ins Famedons,
lassen sich herumführen, tragen festliche Hemden und sehen eher nach einem
Sicherheits-chek aus, als nach Zimmersuchenden. Sie sehen sich streng um, lachen
auch gar nicht und verschwinden wieder. Seltsam.
Als wir alle lesend im Verandagang sitzen, öffnet sich die Tür und
ein Hochzeitspaar schreitet würdevoll herein. Er im schicken dunkelblauen
Anzug mit Fliege, sie in weitem, leuchtenden Weiß mit Kranz im Haar und
weißem Blumenbouquet. Ernst schreiten sie an uns vorbei, die wir sie anstaunen
und gar nicht feierlich gekleidet sind, zudem mancher noch bunt angemalt.
Sie verschwinden in einem Zimmer, schließen die Tür, es dauert ein
paar Minuten, bis wir die Sprache wiederfinden.
"Hast du gesehen, wie hübsch die war?" Richard findet sie als
erster.
Wir quetschen Ranji, den Chef, aus, was es damit auf sich hat. Sie seien hier
für die Hochzeitsnacht, sagt er und schmunzelt. Morgen würden dann
Mutter und Schwiegermutter kommen und sich das Bettlaken ansehen, Wenn sie nicht
zufrieden sind, kann die Ehe nämlich wieder annuliert werden. Im Gang gibt
es von da an frech grinsende Gesichter und dumme Gespräche.
"Vielleicht sollen wir mal klopfen, man hört gar nichts."
"Sonst betrügen sie noch, schneiden sich in den Finger und so."
"Ich glaube, die unterhalten sich die ganze Zeit."
Es bleibt das Thema Nummer eins für zwei Tage.
Am anderen Morgen hatte Andreas das Glück, alles life miterlebt zu haben.
Er muß die Geschichte ein paarmal erzählen. Früh morgens seien
wirklich Mutter, Schwiegermutter und ein paar junge Männer gekommen. Der
Bräutigam mußte aus dem Zimmer, die Frauen gingen hinein. An seinem
Grinsen, meinte Andreas, habe er aber schon gesehen, daß er zufrieden
sei.
Dann seien die Frauen strahlend erschienen, bis auf die Braut, die bis Mittag
nicht aus dem Zimmer kam. Der Bräutigam ging mit den Männern beiseite
und sollte nun wohl das erste Mal im Leben rauchen.
Dann gingen die Frauen wieder, diesmal mit Taschen bepackt um die Braut anzukleiden.
Richard läuft nervös mit der Kamera umher.
"Das muß man doch mal fotografieren, Mensch. Wir haben das doch miterlebt."
Wohin sie heute gehen, fragen wir Ranji. Zu einer Feier sagt er. Abschied vom
Junggesellendasein.
"Was Andreas, da gehen wir mit!" legt Richard fest. "Immerhin
waren wir life dabei."
Er kommt nicht zu seinem Foto, rasch wird das Bett abgezogen. Durch die angelehnte
Tür sehen wir, daß die Braut nun in einen roten Sari gekleidet wird
mit viel Gold. Das Haar kunstvoll hochgesteckt, viele Goldketten um den Hals.
Ein professioneller Fotograf taucht auf, fotografiert das Paar vor der Blumenkulisse
des Famedons, wir Touristen bekommen ein Foto erlaubt, verneigen uns und wünschen
ihnen beim Abschied viel Glück. Die Braut, die noch viel hübscher
im Sari aussieht, wie gestern, lächelt schüchtern, es scheint, ihr
sei das Ganze unangenehm.
Wir erfahren auch, daß es durchaus Tradition in Sri Lanka ist, daß
die Hochzeitsnacht in einem Hotel verbracht wird. Da muß dann auch die
Ehe vollzogen werden, denn wenn sich herausstellt, das die Frau schon mit einem
Mann (und sei es der Ehemann) vorher zusammenwar, wird sie es künftig schwer
haben in der Familie des Mannes. Das ist heute noch genauso.
Übrigens wird die Hochzeit natürlich zwischen den Eltern ausgehandelt.
Am Hochzeitstag wird gefeiert, und am Tag danach gibt es eine neue Feier, in
der anderen Familie. Dann erst darf das Paar in seine Wohnung, oder sein Haus
und seitdem zusammenleben. Vorher ist dies nicht drin.
Da bin ich für meinen Teil aber froh, Europäer zu sein...
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