Unsere Ayurveda Kur

Außer uns sind nur noch drei andere Gäste da. Andreas aus Holland, ein großer, etwas stämmiger Mann, der gern redet und schon die dritte Kur hier für drei Wochen macht. Er schimpft, heute wäre wieder Einlauf dran gewesen und er dürfe sich nicht so weit von der Toilette entfernen.
Richard und Maria, beide vielleicht so alt wie ich, er ein hochgewachsener blonder Deutscher, der jetzt in Spanien wohnt, sie Spanierin mit lockiger Mähne, ein drolliges Paar.
Eine bunte Mischung also und wir haben allerlei zu lachen.
"Seid ihr neu?" kommt Richard gleich auf uns zu und erzählt, sie würden beide die Beautykur machen für sechs Tage. Er wird auch gleich von Maria betupft mit einer braunen Paste, die der Doktor verschrieben hat gegen Leberflecken. Noch immer befremdet betrachte ich mir das und kann mir noch gar keinen Reim drauf machen.
"Macht ihr auch eine Kur?"
"Eigentlich nicht, wir wollten hier nur eine Woche faulenzen."
"Mensch, da müßt ihr doch wenigstens den Schnupperkurs machen. Das ist toll! Besonders der Knoblauch morgens..."
Richard plaudert drauf los wie toll es "aufräumt", eine Menge Knoblauch zu bekommen, der noch nicht einmal riecht. Außerdem gäbe es Massage und Bäder, das sollten wir uns nicht entgehen lassen.
Ein bißchen schwanke ich schon, nachdem hier alles so liebevoll hergerichtet ist. Wozu die Häuschen dienen, würde ich ja auch gern wissen. Also entschließen wir uns am zweiten Tag zu einer Schnupperkur von drei Tagen.
Die Übersetzerin des Ayurveda Garden, Badra, eine kleine, sehr gut gekleidete Singalin im roten Sari, die ehrfürchtig durch den Gang schreitet, kommt am Nachmittag mit dem Doktor in unser Zimmer. Doktor Bandara, ein kleiner, drahtiger Mann, der immer mal im weißen Anzug durch das Anwesen huscht, strahlt etwas von gedulderprobter Krankenhaushektik aus, er spricht englisch, möchte aber lieber sicher gehen und läßt Badra die Fragen ins deutsche übersetzen.
Er fragt nach Krankheiten, nach Allergien, prüft Blutdruck und Puls und testet dann die drei Faktoren Vata, Pitta und Kapha.
Andächtig senkt er den Kopf, mißt den Puls und hält den Finger für längere Zeit darauf. Wie genau er das herausbekommt, weiß ich nicht, doch er nennt Badra dann Zahlen, die keineswegs gleichgroß sind.
Natürlich, sagt er, könne man nach drei Tagen kaum eine Besserung erwarten, da sind schon drei Wochen von Nöten. Das ist uns schon klar, und wenn es uns gefällt, kommen wir sicher für eine längere Kur wieder.
Ich erwähne, daß ich Probleme mit dem Magen habe und er nickt, ich würde Medizin bekommen. Außerdem gefallen ihm einige Pickel in meinem Gesicht nicht, auch dagegen hat er was.
Gleich heute nachmittag soll die Kur beginnen. Wir sind schon gespannt.
Eine der zwei jungen Therapeutinnen, die in grüner Uniform geschäftig, aber ohne Eile hin und herlaufen, holt mich ab. Ich bekomme einen Umhang, da mit viel Öl gearbeitet wird.
In einem der Häuschen stehen zwei Liegen, es ist angenehm abgedunkelt, an der Wand ein singalischer Satz über Ayurveda, ein Regal mit allerlei Flaschen und Mixturen, es sieht sehr geheimnisvoll aus.
Für heute wurde mir Kopfmassage, Körpermassage und ein Herbalbad verordnet.
Übrigens, das Wort "Herbal" finde ich drollig. Es heißt Kräuter, aber taucht hier überall auf. Zudem klingt es wie "hörbl" und erinnert an den VW Käfer "Herbie", das klingt schon lustig, es wird für uns zum geflügelten Wort.
Die Kopfmassage ist richtig gut, eine Menge Öl bekomme ich in die Haare verteilt. Erst scheue ich mich ja vor der Vorstellung Öl in den Haaren zu haben, gewöhnlich ist man in Europa erpicht, es herauszubekommen, doch nach drei Tagen muß ich sagen, daß die Haare sich sehr gesund und kräftig anfassen, ganz anders als die Strohigkeit vorher, die durch Sonne und Salz noch verstärkt wurde.

In diesem Haus steht die Badewanne, in der man ein heißes Kräuterbad bekommt. Hinter dem Bogen ist die Meditationsecke

Kopfmassage, den Umhang bekommt man ausgeliehen. Tamani ist meine Therapeutin für drei Tage

Nach dem Bad gibt es Tee und Honig in dieser Meditationsecke. Entspannen, bevor es zurück ins Zimmer geht.


Zwanzig Minuten geht die Kopfmassage. Tamani, meine persönliche Therapeutin für die drei Tage, drückt in kreisenden Bewegungen mit den Fingerspitzen über die Kopfhaut, keine Stelle läßt sie aus, ich vermute, danach völlig verfilzte Haare zu haben, doch sie versteht ihr Handwerk.
Danach ist Körpermassage dran. Ich lege mich auf eine Liege, Tamani schüttet großzügig Öl auf mich, es riecht etwas nach Leinsamen, auch hier muß ich nach drei Tagen sagen, daß ich den angenehmen Ölfilm auf der Haut vermisse. Sie widmet sich jeder Körperstelle ungefähr fünf Minuten, streicht, knetet, klopft, schüttelt, ich bereue schon, die mittelstarke Massage gewählt zu haben. Hätte ich mal lieber eine Stufe mehr genommen.
Doktor Bandara kommt vorbei, ob es gut sei, oder zu stark. Ob die Masseuse auch nichts vergessen hat, nein, alles in Ordnung. Eine halbe Stunde, sagt er, muß das Öl einziehen, dann bekomme ich ein Herbal(hörbl)bad.
Und Tatsache, die halbe Stunde ist angenehm. Erst konnte ich mir gar nicht vorstellen, nicht wenigstens vor dem Bad das Öl abzuduschen!
Ein heißes Bad in den Tropen? Nie hätte ich gedacht, wie toll das ist! In einem kleinen Häuschen steht eine Badewanne, die Armaturen, die Ablagen ragen aus künstlichem Stein heraus, traditionelle Gemälde an der Wand, Blumenschmuck, ein schmales Fenster mit Blick in die Bäume. Das dunkle Kräuter-Wasser ist heiß, doch kaum liege ich wohlig schnurrend darin, ist der Gedanke, nach zwanzig Minuten aussteigen zu müssen, ganz traurig.
Pünktlich klopft meine Therapeutin, ich werde erwartet in einer kleinen, speziellen Nische mit surrendem Fischaquarium. Barben huschen hin und her, einige Barsche. Wenn sie zu groß geworden sind, dürfen sie anscheinend im großen Frei-pool schwimmen.
Auf einem kleinen Steintischchen steht eine Tasse Herbal(hörbl)tee und ein Stück Palmenhonig bereit.
Mein Gott, ist das ein Verwöhnfest!
Am zweiten Tag bekommen wir statt der Kopfmassage ein Kopfölbad. Richard meint ganz begeistert, das sei das Beste. Maria ist nicht so der Meinung, schließlich ist nun ihre Frisur erst einmal hin. Aber dann gibt sie doch zu, soo entspannend sei nichts anderes.
Für das Bad liege ich auf dem Rücken, zwei Therapeutinnen bereiten Öl vor, indem sie es erhitzen. Ziemlich heiß, von der Temperatur eines heißen Umschlages, wird es dann in eine Kanne gefüllt, die an der Decke hängt. In langsamer Pendelbewegung schwingt die Kanne von der linken zur rechten Schläfe und läßt das Öl darüberrinnen und über die Haare. Es wird wieder aufgefangen, erwärmt, nachgefüllt. Vielleicht zwanzig Minuten lang.
Bereits nach wenigen Minuten kann ich mir vorstellen, noch Stunden hier zu liegen. Es schläfert fast ein, keine Massage konnte so durchdringend erholsam sein.
Den Rest der Tage laufen wir alle mit öligen Haaren herum, waschen sie erst abends. Tatsächlich bedanken sie die Haare für diese Kur.
Richard und Maria haben das Glück ein Flowerbath am Ende ihrer Kur zu bekommen. Was das ist, kann ich mir zuerst nicht vorstellen. Ich habe schon einmal in einem Prospekt etwas derartiges gesehen, ein Bad, in dem eine Frau liegt und im Wasser schwimmen einige Blüten. Nun, das stelle ich mir schon schön vor, doch sooo außergewöhnlich, daß alle davon schwärmen, erscheint es mir nicht. Ich bin nicht auf das gefasst, was wir zumindest von außen bestaunen können.
Maria bekommt ihr Flowerbath - so das ich die ganze Vorbereitung staunend miterleben kann. Am Vormittag kommt einer der Männer mit einem großen Korb voller Blüten über den Rasen gelaufen. Ich sehe ihm verwundert nach. Wozu ist das?
In dem kleinen Raum mit der Badewanne hockt Tamari auf dem Wannenrand und legt das Wort "Maria" aus winzigen Blüten auf den Wannenrand. Langsam und ruhig, so wie asiatische Mönche ihre Sandmandalas legen, an denen sie wochenlang arbeiten, nur, um sie am Ende mit einem Wisch zu zerstören. Eine Arbeit, die man als Europäer gar nicht nachvollziehen kann.

Den ganzen Vormittag sind die Frauen mit dem Schmücken beschäftigt

Noch immer ist es nicht fertig, überall gibt es noch Fleckchen für Blumen.

Maria genießt ihr Flowerbath, für nur 20 Minuten


Später komme ich wieder - der gesamte Wannenrand ist geschmückt. Tamari und eine Therapeutin sitzen auf dem Boden und fädeln Blüten zu einem Kranz auf. Unzählige Lotosblüten, Hibiskus, Fangipani und andere Arten schwimmen schon im heißen Wasser. Noch immer gibt es ungeschmückte Fleckchen in dem Raum, werden weitere Blüten und Blätter liebevoll eingesteckt. Wir stehen staunend davor, fotografieren, schütteln die Köpfe über diese unglaubliche Arbeit, die nur für zwanzig Minuten Bad entsteht und sind traurig, nicht auch so ein Bad zu bekommen.
Wahnsinn!






Diese tolle Arbeit muß einfach einmal im Detail gewürdigt werden!
Jede einzelne Blüte muß vorsichtig an ihren Platz gelegt werden, damit die anderen nicht herunterfallen. Die anderen Blüten schwimmen bereits im Wasser, zuviel Bewegung, und sie schwimmen auseinander.
Damit der Gast einsteigen kann, wird die Blütendecke vorsichtig zurückgeschoben.
Nach dem Bad wird alles entfernt und für einen neuen Gast dekoriert.
Jeder, der eine Kur für mindestens sechs Tage gebucht hat, bekommt ein solches Bad.


Mittags bekomme ich Medizin. Wortlos kommt eine Therapeutin mit einem kleinen Tablett und einer kleinen Tasse, lächelt, kein Widerspruch, es hilft nichts, das muß getrunken werden.
Das Ganze schmeckt scheußlich! Irgendwie müßte Blumendünger so schmecken, nach Erde und krümelig.
Abends kommt Tamari, die Köchin vorbei und bringt eine andere. Die schmeckt salzig und auch nach Dünger. Wozu das sei, frage ich.
"For good toilet", sagt sie und macht hinter sich eine wegwerfene Handbewegung. Genauso geht es mir dann auch am nächsten Tag. Soviel zur inneren Reinigung.

 

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