Colombo - Tempel, die nicht im Reiseführer
stehen.
Es geht über Schleichwege nach Colombo, vorbei am Kanal, den die Holländer
gebaut haben, wohl um ein wenig Heimatgefühl zu bekommen, vorbei am Fischmarkt,
dessen Verkäufer über ihren Fang fächeln um der Fliegen Herr
zu werden, vorbei an Rinderhälften, die in der Sonne hängen. Müllfeuer
brennen überall, genauso, wie jeden Abend zieht der unvermeidliche Geruch
durch jede Ritze. Schmale, alterschwache Hunde hinken durch die Gassen, wohlgenährte
Kühe plündern den Müll. Kühe müssen die glücklichsten
Tiere hier sein!
Plötzlich stoßen wir auf eine Autokolonne, aus einer kleinen Gasse
fahren wir hinaus und biegen hupend in das Chaos ein. Was aussieht wie ein enggestapelter
Riesenparkplatz entpuppt sich als sechsspurige Staustrecke nach Colombo hinein.
Tuk-tuks drängeln sich hindurch, ein Mann zieht einen Karren mit allerlei
Kartons beladen, ein Ochsenkarren zwischendrin, immer wieder Lieferwagen, Van`s
und Busse, auf deren Trittbrettern einige Einheimische hängen. Abgase stehen
in der Luft, es ist erstaunlich, daß sich hier überhaupt noch etwas
bewegt. Dennoch kommen wir ohne längeres Warten vorwärts. In einem
Kreisverkehr sammelt sich das Chaos, millimeterscharf überholen die Autos
einander, nirgendwo ein Unfall zu sehen.
Während weiter draußen noch die typisch singalesischen Hütten
zu sehen sind, wird die Architektur im Inneren von Colombo mehr europäisch.
Holländisch, Portugiesisch, Englisch scheint hier gemischt zu sein.
Wir fahren vorbei an einigen wichtigen Punkten, die auch auf den Geldscheinen
zu finden sind und halten schließlich vor einem Tempel.
Eigentlich erwarten wir einen normalen, buddhistischen Tempel zu sehen, doch
dieser hier ist schlicht atemberaubend. Ein kleiner alter Mann führt uns,
erklärt in flüssigem englisch. Das Innere des Tempels ist überladen
bunt. Ein riesiger Buddha sitzt und meditiert, ein anderer, dreimal so hoch
wie die Tür, steht daneben. Unzählige bunte, hellbemalte Figuren bilden
ganze Szenen aus dem Leben Buddhas, die Wände sind bemalt mit Menschen
und Bildergeschichten, wobei die Menschen sehr detailgetreu dargestellt sind.
Jede kleine Ecke könnte man fotografieren.
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Eine der Buddhastatuen neben der Tür als Größenvergleich. Die Wände sind alle bunt bemalt |
Im Hintergrund zeigen Figurenszenen Erlebnisse aus dem Leben Buddhas - rechts unten als Größenvergleich eine Touristin |
Die Zeichnungen sind filigran, nicht so plump, wie oft in Tempeln. Sie erinnern ein bißchen an "Bube, Dame, König" auf Spielkarten. |
Dann führt uns der Übersetzer in ein anderes Haus. Es ist schlecht
zu verstehen, was es damit auf sich hat. Es scheint ein Sammelhort von Spenden
zu sein, die von allenmöglichen berühmten oder wohlhabenden Menschen
gemacht worden.
Hinter Glas zeigt er uns die Palmblattbibliothek. Über tausend Jahre alt
sind diese Bücher, geschrieben auf den schmalen Blättchen der Palmwedel,
dann mit zwei Löchern versehen, zusammengebunden und mit Holzdeckeln geschützt.
Die Schrift wurde nur geritzt, dunkelte dann ein und ist so lesbar. Er zeigt
uns ein vierhundertjähriges Exemplar, das wir andächtig in der Hand
wiegen. Heute ist alles abgeschrieben und vervielfältigt, sagt er, daher
liegen die Originale ungebraucht hier herum. Die Blätter wurden damals
mit einem Öl behandelt, so das auch Insekten sie nicht mögen.
Draußen vor der Tür wächst ein Boobaum, ein heiliger Baum, der
in jedem Tempel steht. Unter einem solchen Baum fand Buddha die Erleuchtung,
daher ist er Pflicht in jedem Tempelgarten, wird von den Gläubigen angebetet
und bekommt Geldspenden in jedes Rinden- oder Wurzelloch gesteckt.
Wir gehen weiter, vorbei an einem Raum, in dem die orange gekleideten Mönche
gerade ihre Schale Reis zum Mittag einnehmen. Joachim meint, wir könnten
eintreten und fotografieren, wir wehren ab und gehen weiter. Dann ruft er uns
doch zurück, wir seien eingeladen worden. Ehrfürchtig treten wir ein,
verneigen uns, bekommen von einem lächelnden Mönch Ananasscheiben
angeboten, werden interessiert bestaunt und angelacht. Ganz so eng haben die
Mönche sich also nicht, denn normalerweise dürften Frauen gar nicht
eintreten oder Ungläubige höher stehen als die Mönche - was wir
ja tun, während sie sitzen.
Unser Begleiter führt uns zu einem weiteren Haus, es wird immer mysteriöser.
In diesem Haus werden tausende von Geschenken aufbewahrt. Vom Kugelschreiber,
über alte, hundertjährige Brillen, Murmeln, hunderte Bücher,
es ist nicht einmal ein System zu erkennen. In der einen Vitrine sieht es aus,
als seien es Hinterlassenschaften irgendwelcher Touristen, in der Vitrine gleich
daneben stehen unbezahlbare Schnitzerein aus Elfenbein und Jade. Es gibt verschiedene
Stühle aus echtem Ebenholz, Münzen aus aller Herren Länder und
Zeiten, und überall Figuren, Tiere, Menschen, Buddhas, hinduistische Götter...
eine unüberschaubare Menge. Bilder stehen auf den Vitrinen, wichtige Mönche,
berühmte Elefanten mit Riesenzähnen, Männer - vielleicht Politiker.
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Ein Buch aus Palmblättern, vierhundert Jahre alt |
Im Hof stehen Staatskarossen. Allein die schon ein Vermögen wert. Mercedes von 1935 |
Was mag das sein? Ein Computer, samt klobigem Monitor. Rechts ein grauer Kopierer, der noch funktioniert. |
Um zu einem anderen Raum zu kommen, überschreiten wir einen kleinen, überdachten
Hof. Hier stehen Autos! Ein Mercedes aus dem Jahre 1935, ein Austin von 1926,
noch ein paar andere, die ich nicht einmal identifizieren kann. Alle gut gepflegt,
unbezahlbare Sammlerstücke, eine Messinghupe mit Gummipumpe an der Außenseite.
Weiter hinten im Hof stehen alte Maschinen, Druck- und Setzmaschinen, eine wohl
antike Schreibmaschine und ein Computer! Der Monitor ist dick, mehr hoch als
breit, die Tastatur sieht sehr vorzeitlich aus, daneben ein Kopierer von der
Größe eines Kühlschrankes. Wir stehen staunend davor, wissen
nicht, was das alles bedeuten soll und sind fasziniert von diesem "Museum".
In einem weiteren Raum wird es geheimnisvoll. Hier lagert die bedeutende buddhistische
Reliquie, sagt unser Begleiter. Knöchelchen vom Finger des Buddhas! Unser
Begleiter geht vor, zündet das feierliche Licht an, ein dezenter Mönchschor
ertönt vom Band, er öffnet einen kleinen Schrein und rückt kiloschwere
Elfenbeinstücke zur Seite, damit wir alles gut sehen können.
Noch nie zuvor hatte ich mir Gedanken über das Gewicht von Elfenbein gemacht.
Aber nun sehe ich, wie er sich müht, einen liegenden, vielleicht einen
Meter langen, Oberschenkeldicken Zahn, nach hinten zu schieben, damit er uns
nicht im Weg ist. Dumpf stößt der Zahn auf einen dahinterliegenden,
das Geräusch zeugt von sehr dichter Materie, kein Material kann noch so
klingen, ein bißchen erinnert es an Billard- oder Bowlingkugeln, nur lauter.
Der Schrein selbst, das Heiligste, sieht ziemlich kitschig aus. Elfenbeinfigurinen
stehen zu Hauf in dem goldenen, gemusterten, dazwischen Plastikblumen in leuchtendem
Pink und Orange und unbezahlbare Elefantengruppen aus ganzen Stoßzähnen
geschnitzt.
In der Mitte ein Spiegltischchen, darauf eine Lotosblüte aus Swarowski-kristallen
und im Inneren die Reliquie. Für mich sieht sie aus wie kleine Steinkügelchen,
aber das darf man natürlich nicht einmal denken.
Der ganze Tempel ist eine Flut aus Bildern, Antiquitäten und Schmuckstücken.
Ein wahrhaft lohnendes Ziel im Großstadtchaos Colombo.
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Das Herzstück des merkwürdigen Tempels. Inmitten von Kitsch und Unbezahlbarem steht eine Glasglocke - darunter die Knöchelchen des Buddha |
Ein Schnappschuß während der Fahrt, die Wahrzeichen Colombos, Bankgebäude |
Mit derselben Eintrittskarte - von gerademal 75Rs pro Person (was von wenig
Touristeninteresse zeugt)- kann man auch noch einen anderen Tempel besichtigen,
inmitten eines Sees, nicht weit von dem anderen entfernt. Wenigstens von diesem
glauben wir den Namen herausbekommen zu haben. Es ist der "Simamalaka-Tempel"
auf dem Baira See.
Gerade heute scheint die Sonne wieder heiß, es ist kaum zum aushalten,
gern würden wir jetzt im Pool baden gehen. Aber auf uns wartet die Eisenbahn.
Der Weg zur Railway Station wird eine Geduldsprobe. Obwohl bereits in Sichtweite,
stecken wir mitten im Stau, kommen nicht vor und nicht zurück und die Zeit
wird immer knapper. Hier kommt uns entgegen, daß die Züge oft Verspätung
haben.
Ganz unkompliziert jedoch bekommen wir die kleinen Papp-fahrkarten, die am Ende
der Reise abgegeben werden müssen. Bis nach Ambalangoda sind es 84km, wir
zahlen 17,50Rs pro Person für die zweite Klasse. Das sind etwa fünfzig
Pfennig. Daran sollte sich die DB mal ein Beispiel nehmen.
Zusatz Dez. 2003:
Ein Leser schrieb mir und klärte diesen seltsamen bunten Tempel auf :-)
Hier, was er schrieb:
"Der Tempel mit der Staatskarosse heißt Gangaramaya
Tempel
Adresse: 61 Sri Jinarantana Road colombo 2
Die Sammlung dort soll mal eingroßes
Museum für Antqitäten werden. Ich glaube bis dahin vergeht aber noch
viel Zeit bis das wie in einem richtigen Museum aufbereitet ist."
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