Elefanten für Touristen

Es gibt Orte auf der Welt, die jeder Tourist einfach gesehen haben muß. Meist sind diese Orte nur noch Nebensache und die rege Händlertätigkeit ist derweil ihre wahre Bestimmung geworden. Und es soll auch Leute geben, die zu diesen Orten na-ja-wenn-wir-schon-mal-hier-sind-sehen-wirs-halt-an sagen. Zu denen gehören wir auch - wenn es Tausende Touristen hat, dann kann es eigentlich nichts "Echtes" mehr sein. Und so gehört für uns das Elefantenweisenhaus in Pinnawela auch auf diese Liste.
Bereits an jedem Postkartenständer ist zu sehen, daß die süßen kleinen Elefanten der wahre Renner des Landes sind.
Also biegen wir auf dem Rückweg ab und fahren die schmale, kurvenreiche Strecke bis zum Elefantenbad, in dem sich zu dieser Zeit - vor Mittag - ungefähr dreißig Elefanten tummeln. Joachim rät gleich, die Videokamera wegzupacken, zu viele sind hier auf sorglose Touristen scharf. Wir gehen einen festgetretenen Sandweg Richtung Fluß. Rechts und links Souvenierstände mit Stoffen, Batiken, geschnitzten Elefanten, bunten Holzfischen und immer wieder Gewürzen. Ein alter Mann will mir aus der Hand lesen, Elefantenkötel liegen auf dem Weg. Wir merken bereits, daß wir uns auf der Hauptstraße für den Elefanten-rücktrieb befinden.
Unten am Fluß herrscht Gedränge. Unmengen Leute sehen Unmengen Elefanten zu. Der Fluß ist flach und breit, am anderen Ufer Dschungel, im Fluß liegen viele große Steine, einige Einheimische waschen etwas weiter flußabwärts Wäsche. Fünf Bewacher hat die Herde, bewaffnet mit Piken und Holzlatten achten sie darauf, daß die Elefanten beieinander bleiben und den Touristen nicht zu nahe kommen. Sollte doch einer einen Schritt zuviel machen, springt einer von ihnen schreiend los und der Elefant beeilt sich, in der Herde unterzutauchen. Man merkt ihnen an, daß die spitzen Enden nicht nur Drohung sind.
Einer der Elefanten hat nur dreieinhalb Beine, ihm fehlt ein Vorderfuß. Im Dschungel ist er auf eine Mine getreten. Ein Japaner will ihm wohl einen Stützfuß machen lassen. Ich hörte auch, es sei ein Spendenkonto für ihn eingerichtet worden, damit er ein eigenes Bad bekäme, denn im Fluß könne er nicht baden. Nun, er steht im Fluß wie alle anderen.
Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich an die Eintrittspreise der Sehenswürdigkeiten des Landes. Es heißt, die UNESCO habe die Preise bestimmt, damit diese Landesgüter erhalten werden könnten. Von anderer Stelle hörte ich jedoch auch, daß diese Gelder in den Krieg gingen. Was passiert dann mit diesen Spendengeldern?
Einige der massigen Tiere liegen auf der Seite, nur die Rüsselspitze sieht heraus. Ein vier Monate altes Elefantenbaby ist der Star. Teleobjektive sind auf ihn gerichtet, Videokameras summen. Ab und zu taucht er unter, er verschwindet ganz im kniehohen Wasser, versucht dann auf Mutter oder Tante zu steigen, Flaum auf Kopf und Rücken. Er hat dem etwas älteren Cousin die Show gestohlen. Das etwas größere Elefantenkind wird gar nicht mehr so richtig beachtet. Nummer zwei sein, ist schwer.
Wir warten auf dem unbequemen, sandigen Steilhang, der von Unmengen Touristen glattgetreten wurde. Eine richtige Aussichtsplattform gibt es auch, doch sie ist in vorschriftsmäßigem Abstand von den, nichtzahmen, Elefanten und damit zu weit entfernt.
Langsam setzt sich die Gruppe in Bewegung, sie wissen, wann es Zeit ist, aufzubrechen. Die Touristen fliehen nach oben, die Elefanten gehen zur Aufstiegsseite um den Souvenierweg entlang zu ihrem Gehege zu gehen. Wie für einen Staatsakt wird alles abgesperrt. Mit Megaphon erfolgt die singalische Aufforderung, sich hinter die Absperrung zu begeben. Natürlich scharen sich alle traubenweise um die besten Plätze.
Kameras klicken los, als die Elefanten gemächlich heraufkommen, die Mutter mit ihrem Kleinsten vorweg, der gar nicht schnell genug nachkommt. Unterwegs nimmt jeder von ihnen einen Rüssel voll Sand, bewirft sich und damit auch die Zuschauer, geht im Nebel weiter. Natürlich ist mein Film zu Ende. Frische Riesenkötel bleiben zurück.
Die Menge geht der Herde nach. Sie werden in ein weites Gehege getrieben, wo sie sich aufhalten sollen, bis es 13:15 Uhr ist, dann bekommen die Kleinsten Milch vor den Augen der Zuschauer. Bis dahin ist über eine Stunde Zeit. Wir warten und sehen zu.

Die Händlerstraße auf dem Weg zum Bad, alles, was man nicht braucht, kann man kaufen

Der Star des Waisenhauses. Ein Elefantenkind, vier Monate alt. Hier geboren.

Das sehen die Elefanten - zwar dürfen die Touristen nicht so nah heran, aber sie tun es trotzdem

Die Mutter mit ihrem Sproß darf als erste vor der Herde den Rückmarsch antreten.

In einem kleinen Tal bleibt die Herde, zu fressen gibt es hier nicht mehr viel, sie werden später gefüttert

Die jüngeren von ihnen mit Milch.


Vor uns, im kahlgefressenen Tal, steht die Herde, wird von den Bewachern immer wieder herumgetrieben, damit die Zuschauer etwas sehen können. Etwas entfernt ist ein älterer Bulle angebunden, er ist wohl zu gefährlich zur Zeit. Er ist in Brunft, meint Joachim. Ein Elefant geht von der Herde weg, zu ihm hin. Einträchtig stehen sie beieinander, umschlingen sich, der Angebundene macht Anstalten, den anderen zu besteigen. Er ist erregt und wirft Rüssel und ein Vorderbein auf den Anderen. Eigentlich keine besondere Szene, wenn es um den Akt des Deckens ginge. Beide Elefanten sind jedoch männlich, was den Anwesenden nun manches Grinsen entlockt.
Der zweitjüngste Elefant soll sich streicheln lassen. Touristinnen werden aufgefordert herzukommen, sich fotografieren zu lassen. Die Mutter stellt sich dem in den Weg. Nach einer Drohung bleibt sie stehen, ihr Kind flüchtet nun wieder hinter sie, wird vorgescheucht, bleibt doch irgendwann verwirrt stehen und steckt den Kopf unter ihren Bauch. Mit dem Hinterteil kann man sich nun fotografieren lassen.
Als die Zeit näherkommt, geht die Menschenmenge zu einem überdachten Platz, zu dem einige mannshohe Elefanten getrieben werden. Sie sind wahre Waisen, ihre Mütter tot oder sie im Dschungel in eine Grube gefallen. Dreimal am Tag bekommen sie noch Milch, jeweils acht Liter. Ungeduldig warten sie, zählen, wann der andere seine Flaschen hinter sich hat, saugen sie in Null-komma-nichts aus. Kameras klicken, Touristen schwitzen. Gerade heute knallt die Sonne vom blauen Himmel.
Nun haben auch wir alles im Kasten und brechen wieder auf, die Touristenmenge verliert sich, neue Autos und Busse kommen an. Nachdem wir weg sind, werden die Elefanten dann wieder zum Fluß gebracht, denn in dieser Hitze braucht der große Körper viel Abkühlung. Der Kreislauf beginnt von vorn.
Ich glaube, Elefant sein ist nicht einfach, vor allem nicht, wenn unzählige Touristen dafür zahlen. Ich hörte die Meinung, das Waisenhaus sei eine gute Erfindung, denn die Elefanten würden sonst verenden im Urwald. Dafür sei es doch nicht so schlimm, wenn sie für ihr Futter eben "arbeiten" müßten und sich fotografieren lassen. Nun gut, aber pausenlos hin und hergetrieben werden, das ist keine Arbeit und mehr Streß. Einige Elefanten arbeiten auch, indem sie Holz transportieren, die meisten anderen leben im "Touristenkarussell". Ich glaube, das sollte man auch berücksichtigen, bevor es heißt - die haben es doch so gut!



 

voriges Kapitel

nächstes Kapitel