Der schönste, botanischer Garten der Welt

Die Nacht wird schon am Morgen unterbrochen durch den Ruf des Muezzins. Dann von Hunden, die irgend etwas anheulen, von Arbeitern, die an der Baustelle beginnen.
Wir hören also auf zu schlafen. Um acht schon geht es weiter, wir wollen gegen elf beim Elefantenwaisenhaus sein. Joachim kennt die Zeiten, weiß, wann die Elefanten aus dem Bad kommen. Vorher wollen wir unbedingt den berühmten botanischen Garten sehen.
Leider ist es so früh am morgen, daß die Sonne noch gar nicht richtig scheint. Alles ist irgendwie grau in grau. Schade. Überhaupt müßten wir für diesen sauber gepflegten Garten einen halben Tag einplanen, so haben wir nur etwas mehr als eine Stunde.
Der Eingang sieht sehr englisch aus. Ein weißes, verziertes Gitter läßt uns ein, gleich dahinter ein runder Platz mit bunten Blumen. Joachim hat auch hier einen Freund, der uns führt. Er arbeitet seit fünfzig Jahren in diesem Garten, kennt die meisten Pflanzen wohl noch als Samen und schreitet leicht gebückt, die Hände auf dem Rücken, ein gutes Deutsch murmelnd durch die Anlage ohne zu den Bäumen aufzusehen, auf die er zeigt. Er ist schon ein Original!
Der Garten ist ein riesiges Gelände, von Wegen durchzogen, doch die meisten Besucher gehen einfach über die Wiesen. Nur wenige sind um diese Zeit unterwegs, auch viele Einheimische kommen hierher, einfach zum lustwandeln.
Ich kennen botanische Gärten aus Europa natürlich auch, doch dieser hier unterscheidet sich durch die Riesenhaftigkeit seiner Pflanzen. Fast scheint es, wir stehen in einer ganz fremden Welt. Die Bäume kommen aus Australien, Borneo, Java, Sumatra - und vielleicht würden sie auch dort nicht auf Anhieb zu finden sein. Die Kolonialherren haben diesen Garten begonnen, und in englischer Akkuratesse wurde er weitergeführt. Wie mit dem Lineal gezogen, wurden Palmen hier gepflanzt, eigentlich fehlt nur eine Kutsche mit einer Königin, die durch diese Alleen fährt.
Leider, leider ist das Wetter schlecht und die Zeit knapp bemessen, aber allein um diesen Garten noch einmal zu sehen, würde sich ein Umweg beim nächsten Sri Lanka Besuch lohnen. Hier kann man Ummengen Filme verknipsen.
Da gibt es den größten Baum der Welt, der vor 135 Jahren von den Engländern gepflanzt wurde, er hat nur einen Stamm, lediglich die weitausladenden, Stammdicken Äste mußten gestützt werden und einige Luftwurzeln haben sich wieder in den Boden hinein verwachsen. Der Baum sei eine Ficus-art. Ein Verwandter des Gummibaum, kleine Bäumchen dieser Sorte gibt es bei uns zu kaufen, die größeren stehen oft in Wartezimmern und Büros herum.
Eine ungewöhnliche Allee Javapinien steht dahinter, die aussehen, als hätten sie zuviel Arrak getrunken. Da steht haushoher Bambus mit Stangen so dick wie Beine und in der Mitte schiebt sich ein neuer Bambussproß hervor. Dreißig Zentimeter wächst er pro Tag, sagt unser Begleiter. Die Länge von einem Ring zum anderen. Ob diese Art etwas mit den Bambussprossen zu tun hat, die wir im Essen haben, darüber muß ich noch nachdenken. Es gibt Bäume, mir riesigen Blütenständen, Königsbaum genannt. Zurecht.

Javapinien, eine ganze fotogene Allee mit schiefen Bäumen.

Der größte Baum der Welt, hier "nur" der Stamm und die mittleren Äste

Der Königsbaum hat riesige Blütenstände, die als Trauben hängen.

Ein Bambussproß in der Mitte, er wächst 30cm pro Tag

Elefantenfußbäume sehen aus, als hätten sie ihren Stamm aufgeblasen

Nadelpalmen, erinnern an einen Strauß Grashalme


Nadelpalmen, sehr hoch, unglaublich schlank, wirken so, als würden sie irgendwann unter der Last des Schopfes zusammenbrechen. Sogar Fleißige Lieschen wachsen hier. Elefantenfußbäume, deren Stämme aussehen, als habe man einen dicken, an beiden Enden abgerundeten Pflock auf die Erde gestellt. Oben wachsen die Äste heraus, ohne daß der Stamm sich verbreitert, einfach wie aufgesetzt. Riesenpalmen, mit gigantischen Blättern, sie tragen mehrere Kokosnüsse, die alle zusammen eine Art mißgebildete, verwachsene Nuß bilden. Sie sind giftig, aus ihnen wird Kurare hergestellt, wie er sagte. Zwei Palmenalleen durchziehen den Garten, in der Mitte ein Rondell, auf dem bunte Blumenbeete prangen. Überall wächst eine Art Gras, die nie gemäht werden muß. Ganz dicht schmiegen sich die wenigen Blätter an den Boden, nie wird es höher als ein paar Zentimeter.
Philodendron schlängelt sich Baumstämme entlang nach oben, bei uns kann man ihn im Blumentopf kaufen, kümmerlich im Vergleich zu diesen Riesenblättern, von denen eines den ganzen Topf umwickeln könnte. Über einhundert Jahre sind sie alt, die untersten Ranken sind armdick.
Gewürze wachsen überall, wir schnuppern, raten, bestaunen den nächsten Baum, dessen Frucht wir vielleicht schon längst ganz selbstverständlich verwendet haben.
Er zeigt uns eine kleine Pflanze mit lila-grünen festen Blättern. Ihre Blüten stehen eng in den Blattachseln. Ich kenne diese Pflanze, vor Jahren wuchs einmal so eine aus einem gekauften Beutel Blumenerde heraus. Unser Begleiter pflückt eine Blüte, die in einem lila-grünen Körbchen verborgen ist. Er drückt auf beide Seiten wie beim Löwenmaul, das Körbchen öffnet sich und die weiße, zierliche Blüte zeigt sich. "Damen im Boot", heißt diese Pflanze - und könnte keinen treffenderen Namen haben.
Eine ganze Gruppe von Bäumen wurde von Prominenten gepflanzt. Da wir Deutsche sind, bekommen wir gleich den Baum von Kissinger gezeigt. Ein mickriges schmales Bäumchen. Daneben wuchert der von Juri Gagarin. Joachim meint, ein Bekannter würde auch Gagarin heißen. Damals als Gagarin hier war, habe man den Neugeborenen so genannt. Es würde auch einen geben, der Tito heißt.
Viel zu schnell vergeht die Zeit und wir haben nur die kleine Runde gemacht. Gern würde ich bei jeder Pflanze anhalten und sie eingehend bewundern. Dieser liebevoll gepflegte Garten hätte diese Aufmerksamkeit wahrlich verdient.

 

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