Balkongespräche
Wir gehen ins Mc Leod Hotel zurück. Längst ist es dunkel geworden,
ohne Dämmerung fällt in den Tropen die Nacht. Kandy liegt hell erleuchtet
unter uns, der Zahntempel spiegelt sich im See.
Joachim hat eine Flasche Arrak gekauft und lädt uns auf die Terrasse des
Hotels zum Schnäpschen ein. Hier ist anscheinend die Stelle, an der sich
Herbergsvater und Touristen gewöhnlich näher kommen.
Vor allem Deepal ist interessiert an einem Schwatz. Er war schon von unserer
Digitalkamera ganz hingerissen und will nun noch mehr erfahren. Als wir erzählen,
wir hätten auch einen Laptop dabei, werden seine Augen so groß wie
die eines Kindes unterm Weihnachtsbaum. Er will ihn unbedingt sehen. Also führen
wir ihn vor, zeigen auch die Bilder, die wir inzwischen überspielt haben.
Joachim schaut ebenso erstaunt, die Angestellten des Hotels versammeln sich
auch und sehen über unsere Schultern zu. Ganz stolz kann Joachim nun auch
einmal sein Hotel vorführen und beschwatzt mit dem Chef des Mc Leod seinen
Swimmingpool.
Deepal will noch mehr über das Internet wissen und verwendet fachkundig
so viele Fremdwörter, das ich Probleme mit meinem Englisch bekomme. Daß
ich eine homepage habe, macht ihn ganz verrückt. Was kostet soetwas? Wie
kann ich das auch machen? Wieviel kostet der Internetzugang? Und überhaupt,
kann man da "alles" ansehen im Internet?
Natürlich, bestätigen wir. Auch "blue films? Pornos?" Wir schmunzeln
innerlich und beantworten es ganz ernst. In Sri Lanka gibt es keine "nackten
Tatsachen", das Land ist sehr prüde. Jedenfalls offiziell. Aber auch bei
einer anderen Gelegenheit lautete die erste Frage eines Singali, was man alles
im Internet ansehen könne, ob es auch "Lolitas" gibt.
|
|
|
|
|
|
Deepal und Joachim staunen, was mit Computern alles möglich ist. Rechts hinter uns, sehen die Hotelangestellten zu |
Ein Gecko sieht von oben herab zu. In Thailand heißen sie "Tuckey", in Singali "Huhna". |
|
|
|
|
Aber zurück auf unseren
Balkon. Deepal träumt vom Internet, schlägt mehrmals die Hände
vors Gesicht, als er hört wie billig es eigentlich sei und wünscht
sich nur sehnlich einen Computer.
"Joachim könnte sich gleich einen kaufen, wenn er wollte", meint er mit
einem neidischen Blick auf ihn. "Er ist Millionär."
Joachim zuckt die Schultern und lächelt mehrdeutig. Es ist nicht ganz klar,
ob dies ein Scherz war, aber nach genauerem Überlegen denke ich, es war
die Wahrheit. Seit 20 Jahren hat Joachim die Villa Temple Flower, über
das Internet, in dem sein Schwiegersohn inseriert, findet er die Hälfte
seiner Gäste, die andere Hälfte sind Stammgäste.
Er war bereits in Bangkok, viermal in Deutschland - das kann man sich als Angestellter
in Sri Lanka einfach nicht leisten. Sein Geschäft geht gut und er gibt
sich auch alle Mühe. Sein Geschäft geht also - verdient - gut.
Deepal ist jedoch noch Jahre davon entfernt. Er hat seinen Job gekündigt
um im Touristengeschäft einzusteigen und ist noch ganz am Anfang.
"Was könnte ich denn in Deutschland arbeiten, wenn ich dorthin käme?"
fragt er. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ja... was können Ausländer
eigentlich arbeiten, wenn nicht gerade schwarz?
"Nur in einem erlernten Beruf." sage ich.
"Aber ich könnte doch Hausdiener machen. Was verdiene ich denn dann?"
"Vielleicht 600,- DM" sage ich und habe das Ganze mit Kellner verwechselt.
"Wirklich??" Seine Augen leuchten. "das ist ja viel! Da könnte ich mir
einiges kaufen..."
"Dazu brauchst du aber eine Ausbildung und eine Arbeitserlaubnis, ohne geht
das nicht. Und Steuern und Krankenversicherung mußt du auch zahlen. (mir
fällt dabei erst ein, wieviel unnütze Zahlungen ich eigentlich abgeben
muß). Und deutsch sprichst du auch nicht. Welches Restaurant sollte dich
da nehmen?"
"Restaurant? Nein, privat. Bei Leuten zu Hause. Aufräumen und so."
"Soetwas gibt es aber in Deutschland nicht."
"Nein? Wieso nicht?"
Es ist schwer, jemandem seine Träume zu zerstören. Dabei fällt
mir auf, daß in Sri Lanka anscheinend die meisten Leute das arbeiten,
was sie können. Unabhängig, ob sie es offiziell gelernt haben.
Aber wahrscheinlich denken die meisten Ausländer wie Deepal - zumindest
als Diener könnte man doch in Deutschland arbeiten, oder irgendwo mit zupacken.
Erst bei uns angekommen, dürften sie die für sie hoffnungslose Wahrheit
erkennen. Man darf nicht arbeiten, selbst wenn man will.
Schönes, bürokratisches Deutschland.
|
|
Nächstes Kapitel |