Kandy

Kandy ist eine der größten Städte in Sri Lanka, früher mal Hauptstadt, heute religiöses Zentrum und Touristenattraktion. Eine lärmende, schmutzige Großstadt, deren Verkehrsregeln nicht erkennbar sind. Vielleicht waren die Straßen ursprünglich für zwei Spuren vorgesehen, jedoch stehen vielleicht fünf Wagen nebeneinander, eine Reihe parkt, eine zweite daneben hält nur und Leute steigen aus, kümmern sich nicht um den Stau dahinter, alle hupen, doch niemand regt sich auf. Busse, Taxis, stehen herum, überholen zentimeterscharf im Scheckentempo, es riecht durchdringend nach Abgasen. Verkehrsprobleme haben sie keine, es steht ja alles.

Wir schlängeln uns im Sop`n Go durch die Straßen, überqueren eine Brücke und fahren an der anderen Seite der Stadt einen Berg hinauf. In Serpentinen geht es bis nach oben, hier stehen Hotels, Häuser der Einheimischen, sicher nicht billig hier. Der Blick ins Tal wird immer besser, schließlich halten wir für einen Fotostop.
Kandy liegt in einem Tal, ringsum bewaldete, runde Hügel, in der Ferne blaue Berge. Im Tal ist ein See, auf ihm eine kleine Insel mit Palmen. Hier gehen viele Einheimische spazieren, genießen die Ruhe am umzäunten See und den etwas größeren Abstand zum lärmenden Verkehr.
Gleich neben dem See ist die berühmte Tempelanlage des Zahntempels. Es ist der wichtigste Tempel in Sri Lanka, alljährlich, im August, findet hier eine Prozession statt, die einige Tage lang geht. Dabei wird die Reliquie, die den Zahn Buddhas enthält, auf buntgeschmückte Elefanten geladen und durch die Stadt getragen. Wir sind jedoch ein paar Wochen zu früh. Vielleicht klappt es ja einmal.
Den Tempel wollen wir heute abend noch besichtigen.
Unser kleines Hotel liegt auch auf einem der Berge um Kandy, denselben Blick von hier oben haben eigentlich die teuren Hotels. Etwas weiter weg, etwas mehr unter Einheimischen, dort steht das "Mc Leod", mitten in den Tropen ein schottischer Name. Sie haben sechs Zimmer, von denen wir das Beste bekommen.
Die Fenster reichen bis zum Boden, wir sehen direkt auf den See und den Zahntempel, etwas dahinter die Stadt, wunderschön. Da ist es auch egal, daß die sanitären Anlagen etwas schlechter sind als in Dambulla und direkt vor dem Fenster sich eine Baustelle erhebt für weitere Anbauten des Hotels. Auf dem Bett sitzend können wir Kandy sehen! Wer kann das schon.
Es ist nachmittags halb vier, als wir ankommen, der Himmel ist bedeckt, hier in den Bergen scheint es mehr Wolken zu geben.

Der berühmte Zahntempel, unter seinem goldenen Dach wird Buddhas Zahn aufbewahrt

Schon der Eingang ist bunt bemalt, dahinter sieht man bereits das...

...rote Tuch, hinter dem die Reliquie versteckt wird. Das Elfenbein ist echt.

 

 

 

Ein ganz normaler Blick in eine ganz normale Straße von Kandy. Mit dem normalen Verkehrschaos.

Der Blick aus dem McLeod Hotel. Wir sehen genau auf den Tempel und den See im Tal

Bei Nacht ist der Tempel hell erleuchtet, gibt einen kleinen Eindruck von der Prozession in jedem Jahr

Um fünf ziehen wir los, den Tempel zu besuchen. Der Verkehr hat sich nicht geändert, es scheint keine Rush-hour zu geben, den ganzen Tag ist Chaos. Vor dem Tempel beginnen bereits die Sicherheitschecks. Frauen und Männer getrennt, Kabine, Taschen öffnen, Leibesvisitation, Hosentaschen leeren.
Wir gehen durch den Park auf den Tempel zu, noch eine Wache zwischendurch, noch einmal Taschen zeigen.
Vor drei Jahren gab es hier einen Anschlag auf dem Vorplatz, bei dem ein Teil des Daches zerstört wurde. Die Aufbauarbeiten dauern heute noch an.
Unzählige Gläubige drängen sich auf dem Vorplatz, Schuhe ausziehen, abgeben, eine Marke bekommt man, Eintritt zahlen, die Treppen hinauf und hinunterdrängen. Hier herrscht wirklich Gewühl.
Im Inneren ist es zuerst einmal sehr bunt. Jede Wand, jede Decke bemalt in frohen Farben. Das Ganze ergibt eine Art Gang, der sich im Viereck um einen Hof in der Mitte zieht. In diesem Hof steht ein anderer Tempel aus Holz, der den Gang überragt und von dem goldenen Dach gekrönt wird. In ihm befindet sich das Heiligtum.
Hinter Elfenbeinzähnen ist der rote Vorhang zu sehen, hinter dem die heilige Reliquie in sieben Kästchen aufbewahrt wird. Nur die eingeweihten und auserwählten Mönche dürfen sie sehen. Die "Normalen", die großes Glück haben, können wenigstens die äußerste der Schatullen ansehen. Uns betrifft das jedoch nicht.
Ob der Zahn denn echt ist, frage ich Joachim, der, obwohl Christ, sich recht gut auskennt mit dem Buddhismus.
Er zuckt die Schultern.
"Natürlich weiß das niemand genau", meint er. "Aber wenn ich hingehen würde und sagen, der Zahn ist eine Fälschung, würde man mich eher lynchen als es nachprüfen wollen."
Jeder Glaube hat eben seine Schwächen - manchmal ist nur Glaube gefragt.
Hinter diesem Gang und dem Tempel im Innenhof, geht es in einen anderen Teil, in einen ringsum weiß ausgekleideten Raum. Hier stehen einige Buddhafiguren, die zum Teil Spenden aus anderen Ländern sind. An den Längsseiten hängen bunte Bilder, die die Geschichte des Tempels erzählen. Seine Gründung, der Diebstahl des Zahnes, die Rückkehr des Zahnes, die Ankunft der vornehmen englischen Herren zur Kolonialzeit.
Wir verlassen den Tempel, strömen mit all den anderen Besuchern hinaus, man kann sowieso kaum anders, als sich dem Strom anzupassen. Draußen, auf einer Wiese, stehen überdachte Bänke, auf denen unzählige Kokosöllampen brennen. Jeder Buddhist, der für etwas dankt oder um etwas bittet, zündet eine an. Je länger sie brennt, desto besser. Betende knieen auf der Erde, verneigen sich und murmeln ein Gebet.

Ein wenig durch die Stadt schlendern wollen wir noch. Joachim und Deepal zeigen uns den Markt von Kandy.
Es geht kreuz und quer durch überdachte Standreihen, auf denen Stoff, Kleidung, kitschiges Glitzerzeug, Spielsachen oder Taschen angeboten werden. Ständig springt uns ein Verkäufer an, stellt sich in den Weg oder ruft laut, wir sollen kommen und reinschauen.
Joachim meint bezeichnend: "Und da halten sie sich schon zurück, weil ihr mit mir hier seid. Sonst würden sie euch kaum hindurchgehen lassen. Manche Leute denken auch, die, die sie hier ansprechen und in die Läden ziehen, seien die Besitzer der Läden. Doch das stimmt nicht. Es sind gekaufte Straßenjungs, die nur die Leute fangen sollen. Der Besitzer sitzt in seiner guten Stube, oder er ist nicht mal im Laden und die Straßenjungs machen alles."
Natürlich, das hätten wir uns fast denken können, doch von selbst kommt man gar nicht darauf und denkt, der Fänger habe etwas mit dem Geschäft selbst zu tun.
Der Markt selbst gleicht jedem anderen Touristen-Nippes Markt. Er könnte auch in Polen, Tschechei, Arabien oder Mallorca sein.
Wir gehen in eine Art Kaufhaus. Joachim meint, wir sollten die Videokamera lieber wegstecken, er selbst sei vor einigen Jahren hier bestohlen worden. So schleichen wir also vorsichtig durch die Gänge, versuchen, nicht allzu beeindruckt stehenzubleiben um nicht "eingefangen" zu werden und kommen uns gar nicht mehr wie in Sri Lanka vor.
Als wir die kleinen Münzen Sri Lankas sehen, die man kaufen kann, da sie nicht mehr im Handel sind, beginnt Joachim zu erzählen.
"Heute gibt es die Cent-münzen nicht mehr, aber zu meiner Zeit waren die noch viel wert. 1955 gab es sogar noch ½ Cent Münzen. Dafür konnte man fast alles kaufen. Reis, Kartoffeln, Fisch, was man zum Leben brauchte. Heute kostet so eine Münze 1000Rs. Als Kind habe ich immer ein paar Cent Taschengeld bekommen. Außer einmal, das war 1958 zu einem Schulpicknick, da hat mir meine Mutter 2Rs mitgegeben." Er nickt noch immer anerkennend. Das muß damals das meiste Geld gewesen sein, daß einer der Schüler bei sich trug.

 

voriges Kapitel

nächstes Kapitel