Sigiria, der Würfel in der Landschaft


Was für eine erholsame Nacht! Schade, daß wir schon weitermüssen. Für heute haben wir den Aufstieg auf den Sigiria Felsen geplant. Es ist 7Uhr morgens, die Sonne gerade aufgegangen. In der morgendlichen Kühle hinaufzusteigen, ist eher ratsam als zu Mittag. Vor dem Frühstück also gehen wir los, nehmen vorsichtshalber etwas zu trinken und ein paar Bananen mit. Es verspricht anstrengend zu werden und das sollte man ja auf ganz nüchternen Magen nicht tun.
Unterwegs begegnet uns ein Ochsenkarren. Hier in dieser Gegend werden die Gespanne von zwei Ochsen gezogen, anders als bei Colombo, dort ist es nur einer. Wir halten an, ich fotografiere, habe sofort einen kleinen Jungen am Hals
"Money, money? Pen? Bombom?" Diese drei Worte sind das wichtigste, das er schon kann im Umgang mit Touristen. Wie eine Klette hängt er an mir, ich muß geradezu wieder in den Wagen schlüpfen, vermute fast, er würde mir hinterherkommen. Wir fahren zu einem Punkt, von dem aus der Felsen gut zu sehen ist. Leider steht er genau im Gegenlicht, also kein besonders gutes Motiv. Wir müssen schon hinauf um ihn ganz zu genießen.
Sigiria ist nicht sehr hoch, 200m, aber steht allein in weiter Flur und ist daher schon ein aufregender Anblick.
Irgendwie paßt er auch überhaupt nicht in die Landschaft. Alle Hügel sind rundlich, aber bewaldet, Sigiria ist ein Felswürfel, der so aussieht, als habe ein Riese mit ihm lange hin- und her gespielt, bis alle Ecken abgerundet oder abgeplatzt waren. Nichts wächst an ihm, nur oben, haben sich einige kleine Bäume ausgesät.
Vor 1500 Jahren ließ ein Königssohn dort oben einen Palast für sich bauen, nachdem er sich das Thronnerbe "er-mordet" hatte. Daher wollte er auch möglichst geschützt wohnen und wählte Sigiria. Die ganze Arbeit, die die Menschen mit diesem Palast hatten - das ewige Auf- und Absteigen der Bediensteten über, lediglich in Stein gehauene Nischen als Treppen, die Beförderung des Baumaterials auf diese Art, das Errichten des Palastes (von dem nichts mehr übrig ist), die Pflege des Luxusgartens, all das war letztendlich nur für 18 Jahre Herrschaft gewesen. Danach beging der feige Herrscher Selbstmord, als sein eigener Bruder sich anschickte in den Kampf gegen ihn zu ziehen. Die Prachtbauten auf Sigiria wurden zerstört und seither lebte nie wieder jemand dort oben.
Als wir ankommen, sind wir auch fast die Einzigen. Joachim kennt einen Führer, der gutes Deutsch spricht. Ein "very best friend" von ihm. Er begleitet uns nach oben.
Seit zwölf Jahren macht unser Führer diesen Job. Seit zwölf Jahren geht er täglich mindestens zweimal die 1200 Stufen nach oben. Der Aufstieg sieht nicht besonders anstrengend aus. Negativ wirken sich nur die Wärme, die unterschiedlich hohen Stufen und die Tatsache aus, daß wir noch nichts gegessen haben.
"Der König hatte zwei Paläste", erklärt er. "In dem Oberen, auf dem Felsen, lebte er zur Sommerzeit. Zur Regenzeit am Fuße des Felsens. Er hatte 500 Frauen, die für ihn tanzten und mit ihm lebten. Und natürlich ging er nicht zu Fuß auf den Felsen, er wurde getragen."
Für 60,- DM Eintritt müßten wir eigentlich auch getragen werden.

Ein Traumfoto des Felsens - es ist auch eine Postkarte...

Der Aufstieg beginnt mit herumliegenden Felsen, die einen Durchgang bilden

Die braune Spiegelmauer von außen, in der Mitte ist die Wendeltreppe zu den Wolkenmädchen zu erkennen.

Die wenigen Bilder sind hinter einem Vorhang geschützt, in einer Felsnische.

Die Spiegelmauer von innen - hier pfeift auch der Wind nicht mehr so

Einer der Verteidigungsfelsen - bei Bedarf wären die Steinpflöcke zerschlagen worden

 

Nur noch die Pfoten sind zu sehen, der Kopf des Löwen ist schon lange zerstört.

 

Der Ausblick von oben ist toll

Zuerst geht der Weg durch einen Lustgarten am Fuße, hier ist alles eben, nur Bäume wachsen, Hügel gibt es nicht. Erst kurz vor dem Felsen Sigiria selbst, stehen einige große "Steine", die anscheinend irgendwann abgefallen sind.
Wasserspiele gab es hier im Lustgarten, Bäder und Seerosenbecken. Und das alles mit der Technik des 5. Jahrhunderts.
Die ersten Steine lassen einen schmalen Spalt für den Aufstieg frei, kreuz und quer geht es einige Stufen hinauf, den Kopf im Nacken erkennen wir, wo die anderen Touristen schon sind. Senkrecht erhebt sich vor uns der Fels.
Nach einer Weile ist eine "Wellentreppe" zu sehen, die von der eigentlichen Route aus, senkrecht nach oben an die Wand führt. (wie erklärt man einem Ausländer auch, daß es Wendeltreppe heißt, wo es doch wie Wellen aussieht). Die stammt noch von den Engländern - übrigens stand sie früher mal in der Londoner U-Bahn - , sie haben sie angelegt, um die Wolkenmädchen betrachten zu können. Früher war der gesamte Felsen mit 500 Frauenbildnissen geschmückt. Teils halbbekleidet, tanzend, aus Wasserfarben gemalt, waren sie den ersten Missionaren ein Dorn im Auge. Daher zerstörten sie die meisten der Bilder, lediglich ungefähr zehn blieben verschont, denn sie befanden sich in schwindelnder Höhe, nur durch ein Bambusgerüst zu erreichen. Und das war dann selbst für die Sündenzerstörer zu gefährlich.
Heute sind sie hinter einem Stoffvorhang sicher vor Umwelteinflüssen und über die stählerne "Wellentreppe" einigermaßen ungefährlich zu erreichen. Wir steigen wieder hinab und gehen weiter.
Stürmisch ist es hier oben. Beinahe können wir uns gegen den Sturm lehnen, dabei sind wir noch nicht mal auf halber Höhe. Schutz bietet hier die Spiegelwand. Eine hohe Mauer, auch 1500 Jahre alt, deren Innenseite blank poliert wurde. Normalerweise hätte sie nun die Fresken der Mädchen gespiegelt, doch die gibt es ja nicht mehr. Hier, in diese Spiegelwand, haben sich auch die ersten "Touristen" verewigt mit eingekratzten Sanskrit Wörtern. Das war vor ca. 1300 Jahren. Wir gehen innen entlang, sehen am Ende, in der Ferne, noch einige andere Schutzvorkehrungen des Königs. Riesige Felsen liegen nur auf ein paar kleinen Steinstützen. Im Falle des Falles wurden die zerschlagen und die Angreifer bekamen die Felsen ab. Doch niemand wollte Sigiria erobern.
Jetzt stehen wir auf dem kleinen Plateau, das inzwischen von Händlern mit Trinkvorräten erobert wurde. Ständig klingeln sie gegen ihre Colaflaschen und locken zum Kauf.
Hier sind noch die Reste des Löwen zu sehen, von dem Sigiria seinen Namen bekam. "Löwenfelsen", da der Haupteingang durch zwei Löwentatzen hinaufging. Nur die sind noch erhalten, der Kopf ist schon längst den Elementen zum Opfer gefallen. Hinter dem Aufgang führt eine schmale, blecherne Treppe nach oben. Die Stufen sind teilweise für einen Schuh breit genug, teilweise nur wenige Zentimeter hoch, teilweise einen halben Meter, um uns stürmt es, dröhnt in den Ohren, zaust in den Haaren, die Sonne brennt und blendet schon, man ahnt nur, daß sie Sonnenbrand anrichtet. Wir pausieren unterwegs. Es soll ja nicht in Kampf ausarten, trinken unsere Vorräte, essen Bananen, unser Führer ist schon längst oben und langweilt sich.
Ein paar andere Touristen gehen schon wieder zurück, die Treppe ist durch ein Geländer geteilt, weise Voraussicht.
Oben, endlich, angekommen, pfeift uns der Wind fast herunter. Nur die schmalen Mauerreste sind noch zu sehen, unser Führer drängt weiter, will wieder runter, womöglich zu seinen nächsten Kunden. Die Eile ist jedoch ganz gut, es geht auf neun Uhr zu, die Sonne wird sehr stark.
Der Schatten Sigirias zieht wie ein Quadrat über die Ebene unter uns. Eine grüne Fläche, Palmen nur vage zu erkennen, in der Ferne das Hochland, Seen, Berge, rund und bis oben bewaldet, erinnern ein bißchen an die steilen Kuppen in Vietnam.
Unser Führer zeigt die Schwimmbäder, den Königssitz, die Tanzhalle davor. Eng muß es hier zugegangen sein. Auf der Spitze des Felsens ist nicht viel Platz. Löcher im Boden verraten, daß Holzdächer die Anlage überdacht haben. Wie mag es gewesen sein, hier zu schlafen? Der Wind, der überall reißt und faucht, wie oft haben die Bediensteten die Dächer in den Nächten repariert?
Der Ausblick hingegen ist fabelhaft, kein anderer Felsen in der Nähe ist so hoch wie Sigiria.
Der Abstieg geht recht schnell, schon allein, weil uns der Magen knurrt. Unterwegs haben sich schon wieder Händler postiert, nur verstohlen sehe ich mir ihr Angebot an, will nur mal gucken, nicht gleich belästigt werden. Geschnitzte Elefanten, Buddhas, Kleine Messingdosen, die wie Matrijoschkas immer kleiner ineinandergestapelt sind. Niedlich, doch was kann man damit anfangen? Geschnitzte Kästchen gibt es, deren Deckel unterbrochen sind und sich herausschieben lassen. Drollige Idee, doch was tut man hinein?
Auf dem Parkplatz warten die wirklich lästigen Händler, überfallen uns wie Mücken, bieten allerlei Plunder an, ich sehe jedoch eine interessante Sache - die in Sri Lanka üblichen Holzpuzzles, bei denen z.B. ein Elefant aus mehreren bunten Puzzlesteinen besteht, auf jedes ein Buchstabe des Alphabets gemalt, gibt es hier mit mehreren Tieren. Jedes Tier ein Puzzlestein. Das habe ich noch nie vorher gesehen. 1400 Rs will er dafür, ich lache auf, selbst für meine anfängliche Vermutung ist das utopisch zu hoch. Was willst du geben? Fragt er, ich schockiere ihn mit "350!" Nein ehrlich, sagt er, was willst du geben? Gehandelt wird hier etwas anders, fällt mir wieder ein, nicht wie auf einem arabischen Markt, hier nennt man gleich mal den Preis, den man geben will. Gut, 500! Er läßt seine Puzzlefiguren sinken und schüttelt den Kopf, als hätte er einem begriffsstutzigen Kind schon zum hundertsten Male dasselbe erklärt. Ich bleibe dabei, winke ab, steige schon mal ein. Ich weiß was kommt, na gut, 900, sagt er, es ist mein erstes Geschäft heute. Was geht mich das an? 600 sage ich und bin im Inneren schon damit einverstanden. Er bleibt bei 700. Wir werfen die beiden Zahlen ungefähr zehnmal hin und her. Er weiß leider, daß ich die Figuren haben will und ist nicht bereit nachzugeben. Schließlich bekommt er das Geld, ich finde, für 20,- DM ist es ein wirklich gutes Geschäft gewesen.

 

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