Saranga

Einige Tage später lerne ich Saranga kennen.
Ich stehe gerade am Strand und genieße das "an-nichts-denken", als er vorbeikommt und mir zuruft, ich solle doch schnell mal mitkommen, dort hinten seien große Krabben. Er wirkt so kindlich aufgeregt und sein Lächeln scheint mir ehrlich zu sein, so das ich mich doch letztendlich breitschlagen lasse. Trotzdem sagt mir eine innere Stimme, daß ich so eine blöde Anmache auch noch nicht erlebt hätte, und ich beschließe ihn gleich wieder loszuwerden. " Die Krabben sind immer hier" meine ich trocken, und er sieht mich so überrascht an, daß ich mich frage, wer hier der Tourist sei.
Er spricht ein unheimlich schnelles, aber deutliches Englisch. So schnell, das ich fürchte, hier gar nichts übersetzen zu können. Daher versuche ich es gar nicht erst, ignoriere ihn und hoffe, er werde sich bald verdrücken.
Er stutzt " Störe ich dich ?" fragt er. Ich bin überrascht - ein Mann, der das merkt und sich danach erkundigt, ist mir auch noch nicht begegnet. Die meisten gehen ganz selbstverständlich davon aus, daß man auf ihre Gesellschaft nur gewartet hat. Hier und anderswo...
Ich verneine daher kurzentschlossen und bemühe mich nun doch zuzuhören. Er sei ein Geschäftsreisender aus Kandy, erzählt er, müsse die "factorys" seines Chefs besuchen um nach dem Rechten zu sehen. Kleidung werde dort genäht und er wäre für die Qualitätskontrolle zuständig und um dafür zu sorgen, daß alles rechtzeitig fertig würde.
Saranga war wirklich ein ganz und gar anderer Charakter. Er wirkte sehr jung, um 25 herum schätzte ich, seine Kleidung sah schon irgendwie "besser" aus und sein Auftreten war sehr sicher. Er hatte einen leicht asiatischen Touch, in seinem dunklen Gesicht fielen mir wieder zuerst die braunen Augen und die weißen Zähne auf. Ein Zahnlücke lockerte das Bild etwas auf, gab ihm einen verwegenen Anstrich. Suggerierte mir als Europäer jedoch auch einen Hauch von Armut.
Instinktiv warte ich auf den Augenblick, an dem auch er zum eigentlichen Flirt kommen wird, aber er tut es nicht. Er plaudert einfach drauf los und erzählt mir so ziemlich sämtliche Erlebnisse seines Berufslebens.
"...neulich, war ich wieder in Indien, meine company bezahlt das ja alles. Also Indien ist ein tolles Land, aber die Leute - kannst du alle vergessen" Er lacht lauthals und ungehemmt. Das wirkt mindestens so ansteckend und mitreißend wie gähnen, er erzählt lebhaft gestikulierend und beschreibt mit glänzenden Augen jede Einzelheit.
"...mußt du dir vorstellen - Bombay, Hauptbahnhof. Da gibt es zig Gleise und die Leute, die vom Norden kommen und in den Süden wollen, und umgekehrt, haben dort vielleicht 15 Stunden Aufenthalt. Die schlafen dann mitten auf dem Bahnsteig. Alles voll, kannst nicht mehr treten. Und am morgen, das kannst du dir nicht vorstellen - dann müssen die natürlich alle mal. Die hocken dann auf dem Bahnsteig, hier einer, auf der Gegenseite einer - und in der Mitte fährt der Zug durch. Und die unterhalten sich auch noch miteinander, die unterhalten sich noch !!!"
Er hockt sich hin um mir das zu demonstrieren, lacht herzhaft, haut sich auf die Schenkel und hat mich nun endgültig in seinen Erzählerbann geschlagen.
Er plaudert über die Inder, die wohl nur arbeiten, wenn er dort auftaucht, und Ausreden für die nicht fertiggewordene Arbeit haben
"Aber mittlerweile verstehe ich soviel Hindi, das ich weiß, was die hinter meinem Rücken reden" lächelt er spitzbübisch. Ich erfahre von der Art durch Asien zu reisen in Bussen, die einen Fernseher haben, der auch nur einen Lautstärkeregler hat und natürlich von dem Einen bedient wird, der nicht schlafen will. Ich höre von Reisen durch Nepal, wo es kein Wasser gibt. Vom langen Kreisen über Flughäfen, die gerade eine Terroristenheimsuchung erleben. Es ist mir ziemlich egal, ob das alles der Wahrheit entspricht. Ich habe keinen Grund ihm zu mißtrauen, genieße nur die gedankliche Reise in eine Welt, die ich niemals betreten kann. Ehe ich es mich versehe, sind zwei Stunden um, ich bin eigentlich nicht zu Wort gekommen und es stört mich nicht mal.
"Also ich verstehe die Touristen nicht", sagt er "das mußt du mir mal erklären, was treibt jemanden dazu, fünf Wochen Urlaub zu machen und in einem Hotel zu sitzen ? Da hat man doch Zeit das ganze Land anzusehen und in Dörfern zu wohnen. Dort, wo man das wahre Land kennenlernen kann." Er zuckt die Schultern.
"Ich versteh das nicht. Was wollen die Leute denn in den fremden Ländern, wenn sie nur Hotels sehen, die so aussehen, wie zu Hause... Aber am besten sind ja die Japaner. Ich bin da mal in einem Bus mitgefahren. Da rief der Reiseleiter - und hier sehen sie... und alle sprangen auf, rissen ihre Kameras hoch und fotografierten nach draußen. Die konnten doch gar nichts sehen aus dem Bus raus..."
Er lacht und wirft die Arme in die Höhe. Begeistert und neugierig höre ich ihm weiter zu. Er beschreibt sein Land und seine Lebensart sehr viel besser, als ich irgendwo hätte lesen können.
Mittlerweile weiß ich, daß er 28 Jahre alt ist. Ich frage, warum er denn noch nicht verheiratet ist.
"Ach", er winkt ab. "meine Mama nervt mich auch immer. Sie sagt, nimm dir ein Beispiel an deinem jüngeren Bruder, der hat schon ein Kind. Dann sage ich immer, ach laß mal Mama, das kommt schon noch, und hab wieder meine Ruhe für eine Weile."
Er grinst. Dann wird er ernster.
"Das ist nicht so einfach. Wenn du eine kennenlernst, dann sollst du sie am besten gleich heiraten. Eher läuft nichts. Dabei weißt du doch noch gar nicht, ob es paßt. Und mit der Scheidung, das ist überhaupt nicht so leicht. Das geht bei euch bestimmt schneller in Deutschland."
( Wenn er wüßte...)
Ich frage, was er denn in seiner Freizeit macht
"Cricket spielen" meint er lächelnd und zeigt auf seine Zahnlücke und einige nicht zu übersehende Narben an den Beinen.
"Das ist bei uns genauso verrückt wie bei euch mit dem Fußball. Schließlich ist Sri Lanka Cricket- Weltmeister. Noch vor den Briten, darauf sind wir stolz ! Hier ist euer Fußball ( Soccer ) aber auch sehr bekannt. Klinsmann zum Beispiel" sagt er und unversehens fällt mir ein, das Klinsmann zum bekanntesten deutschen Fußballer gewählt worden war. Hier ist also die Bestätigung.
"Was machst du eigentlich lieber ?" fragt er mich irgendwann.
"Arbeitest du lieber als Angestellte oder wärst du lieber selbständig ?" Was sollte ich sagen ? Daß man in Deutschland froh sein sollte, überhaupt einen Job zu haben ? Erst recht im Osten ? Das es auch eine gute Portion Feigheit und Faulheit ist, die es so bleiben läßt, wie es am einfachsten ist ? Ich weiche ihm aus, antwortet, es sei gut so, wie es ist, auch weil ich ja ein Kind zu versorgen hätte und weiß, das ich im Innersten lüge.


Er sieht in die inzwischen untergehende Sonne. Im rötlichen Zauber, der sich auf die Landschaft legt, wirken seine Augen leuchtender als je zuvor.
"Also ich könnte nie in einer Fabrik arbeiten. Ich muß frei sein. Selber entscheiden können, was ich tue und muß dann natürlich auch dafür gradestehen. Aber das ist ja gerade das Schöne daran..."

Ich beobachte ihn von der Seite. Irgendwie verkörpert er jetzt das neue Sri Lanka. Das Land, das sich nicht nur touristisch der Welt öffnet. Ein bißchen stolz, ein bißchen trotzig, irgendwo voller Energie und Möglichkeiten und trotzdem noch so jung. Wann haben wir es verloren, so zu sein ?

Ich habe Saranga nie wiedergesehen.
Aber wenn ich an dieses Land denke, fällt auch er mir dabei ein. Ich weiß, er wird seinen Weg gehen. Sollten ihm die Industriestaaten genug Zeit dazu lassen.

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