Menschliches
Die Menschen
in Sri Lanka sind, finde ich, allsamt attraktiv. Kinder, junge Menschen, Alte,
sie alle haben etwas von einer unberührten Schönheit an sich. Eine
Schönheit, die von innen her strahlt. Nicht nur äußerlich sind
sie attraktiv, sie lächeln immer, winken, wirken gelöst, frei, ohne
Zwänge, die von innen kommen. Sie gehören zu einer Gemeinschaft und
sie wissen es, sind nicht Teilnehmer an einem Konkurrenzkampf, wie er sooft
bei uns seine Auswirkungen zeigt.
Fischer mit dunkler, von der Sonne gegerbter Haut, auch alte Männer - mit
wenigen Zähnen, balgen sich am Strand. Graben einander am Ufer ein, jagen
sich lachend durch das Wasser, bewerfen sich mit Sand. Ich bleibe stehen und
betrachte diese neue Erfahrung. Ihre Arbeit ist sicher nicht leicht, aber das
Leben kriegt sie nicht unter.
Ich genieße es unter so fröhlichen Menschen zu sein. Ihre Liebe zum
Leben steckt an, läßt mich diese sommerliche, irgendwie natürlichere
Atmosphäre von Natur und Mensch auf einmal alle Probleme vergessen.
Auf der Landzunge, auf der rechten Seite der Bucht steht eine kleine Dagoba
auf einem Hügel. So heißen die glockenförmigen Minitempel der
Buddhisten. Weiß leuchtet sie in der Sonne. Über einige grobe Steinstufen
unterschiedlicher Größe und Höhe gelangt man hinauf. Unterwegs
läd eine kleine Nische mit einem Buddhafigürchen zum beten ein. Liegen
stets Blumenopfer auf den Steinen.
Der Weg hinauf ist auch ein Weg durch die Zivilisation und ihre Reste. Müll
liegt herum. Ein in seiner Sprache murmelnder Greis fegt sie zusammen, zündet
den Haufen an. Ein Streifenhörnchen flitzt über die Steine, hat im
Weggeworfenen noch einen Keks gefunden. Einen Meter neben dem Wanderer läßt
es sich seinen Fund schmecken, neidisch beäugt von Krähen, die gerade
die Schlacht um die rostige, blecherne Mülltonne am Strand gegen einen
der herrenlosen Hunde verloren haben.
Gleich unten am Wasser steht eine gepflegte Tempelanlage. Ein alter Mönch
in orangem Sari sieht aus dem Eingangstor. Ich kann zwar die singalesische Schnörkelschrift
nicht lesen, vermute aber, daß es Touristen nicht gestattet ist, den Tempel
zu betreten. Mehrere flache Gebäude mit roten Ziegeldächern vereinen
sich im Tempelhof und werden von einer weißen, hohen Steinmauer umgeben.
An sie schlagen die Wellen, die hier noch kräftig hereinrollen, nur einige
große runde Steine schützen das Bauwerk vor ihrer ganzen Gewalt.
Irgendwer hat irgendwann noch mehr Steine angehäuft, und weiter landeinwärts
angeordnet, so das eine kleine Barriere entstand, die einen schmalen flachen
Teil vom Meer abtrennt und es selbst Kindern ermöglicht von der Strömung
ungestört hier zu baden. Das Wasser ist warm, steht ja ruhig in der Sonne.
Einheimische kommen von weither um hier zu baden. Die Frauen gehen mitsamt ihren
Batikkleidern ins Wasser, Männer mit Shorts, die wie zusammengewickelte
Tücher aussehen.
Alle Ceylonesen sind verrückt nach Kindern. Mein Sohn findet es anfangs
lästig, später erträgt er es gelassen von allen Einheimischen
angefaßt und gestreichelt zu werden. Man mag meinen, nur Frauen seien
so versessen, aber selbst junge Männer können es nicht lassen, wollen
alle einmal ein "white Baby" anfassen. Nicht lange und mein Sohn ist die Attraktion
in der Bucht von Unawatuna. Überall wird lachend gewunken, sein Name gerufen,
er zum Spielen aufgefordert. Mit seinen fünf Jahren ist er hier noch immer
ein Baby. Ich kann meine Aufsichtspflicht getrost vernachlässigen. Jeder
paßt hier auf. Frauen tippen mich an, zeigen mir, daß er für
ihre Begriffe zu weit ins Wasser gegangen ist, auch wenn ihm das Meer gerade
bis zum Bauch reicht. Eine Gruppe junger Männer entführt ihn kurzerhand,
nimmt ihn mit und alle spielen mit ihm Ball. Zwei kleine Kinder in seinem Alter
tauchen auf, ihre Haut ist fast schwarz, sie spielen mit. Das Mädchen trägt
nur eine kurze Hose und um den Hals eine goldene Kette. In ihrem Gesicht sieht
man nur die weißen Zähne, ständig lacht sie, strahlt, kichert.
Der Ball trifft sie am Kopf, sie zögert, hebt ihn auf, lacht und strahlt
als sei nichts geschehen. Mein Sohn stutzt, von den Kindern in seinem Kindergarten
hätte es jetzt sicher einen Rüffel gegeben.
Ein kleiner Junge soll - von vielen Frauen animiert - mit meinem Sohn spielen.
Wir Eltern sehen uns an, lachen, zucken die Schultern. Mein Sohn steht da, guckt
den Fremden an, geniert sich. Auch er steht da, kratzt sich verlegen den Rücken
und versteckt sich lieber hinter Mamas Rock. Sie lachen, er wird auf den Arm
genommen, eine Frau nimmt seine Hand und winkt mit ihr meinem Sohn zu.
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Hier ist das Wasser ganz flach und warm, im Hintergrund die Tempelanlage |
Alle wollen mit einem white baby fotografiert werden. Mein Sohn findet das ziemlich "lästig" |
Alle Kinder
werden hier verhätschelt, überbehütet, ständig umsorgt.
In meinen Augen wirkt das etwas übertrieben. Muß nicht auch mal irgendwo
eine Grenze sein, muß es nicht sowas wie Vorbereitung auf den Ernst des
Lebens geben ? So kenne ich das doch. So sehe ich es jeden Tag in Deutschland.
Vielleicht sind wir aber gar nicht so schlau was Kindererziehung betrifft -
wir in den modernen Industriestaaten...
Kein Kind weint hier und wenn, dann ist es schon lange auf dem Arm der Mutter.
Komischerweise quängelt hier auch keins, wirkt verzogen oder bockig. Alle
Kinder, denen ich begegne, lachen. Ganz langsam begreife ich, warum Sri Lanka
ein so fröhliches Land ist und warum in Europa viel zu viel Egoismus herrscht.
Sri Lanka heißt übersetzt "das leuchtende Land" - in den Augen seiner
Kinder habe ich das gesehen.
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