Hotel - Innenleben

Die erste Nacht - und die nächsten - in den Tropen sind alles andere als erfrischend. Läßt schon die ungewohnte Temperatur von 30°C keinen Schlaf aufkommen, so tut die noch fehlende Umstellung ihr übriges. In der Nacht munter, am Tag müde, so geht es noch einige Tage weiter. Morgens gegen sechs kreischen die Perlhühner - so haben wir sie getauft - los, rütteln die Affen an den Zweigen und singt ein unbekannter Vogel sein furchtbar lautes Lied. Ein Hotelangestellter beginnt im Morgengrauen mit einem lauten Besen aus Kokosfasern den Hof zu kehren. Entnervt geben wir es auf und beenden die Nacht.
Frühstück - in die offene Terasse, gleich am Strand, weht leicht der Wind, die Wellen singen ihr rauschendes Lied, Ventilatoren drehen sich müde. Es ist zehn Uhr morgens, im Schatten angenehm. Der heiße Kaffee will gar nicht schmecken, viel eher wünscht sich der Körper den frischen Ananassaft aus der Kühltruhe. Ein einzelner Sonnenstrahl dringt durch die Palmen, streift meine Haut. Kurz darauf mache ich ihm lieber Platz, rücke meinen knarrenden, blaugestrichenen, geflochtenen Stuhl zur Seite. Draußen ragen Felsen aus dem Meer, zusammenhanglos, wie Reste einer versunkenen Insel. Langsam wird es Ebbe, das Korallenriff auf der linken Seite der Bucht hebt sich einer Sandbank gleich aus der Tiefe. Sanft streichen die Wellen darüber hinweg, verraten seine Größe. Einheimische laufen vorsichtig darauf herum, lassen sich behutsam wieder ins Wasser gleiten.
Händler tragen ihre Waren in Taschen am Ufer entlang. Jedem Blick, der sie streift gehen sie nach, heben Batiktücher in die Höhe, versuchen den sich verlierenden Blick des Touristen wieder einzufangen.
Eine junge Frau mit noch heller Hautfarbe cremt sich ein, glänzt, setzt vorsichtig mit zwei Fingern eine Sonnenbrille auf und legt sich auf ihr Badetuch. Die menschlichen Gäste in der Bucht tauschen ihre Plätze. Die Einheimischen fliehen in den Schatten, die Touristen in die Sonne. Die tierischen Gäste haben sich allsamt verzogen, niemand weiß wohin. Kein Hund ist zu mehr zu sehen, der vorher noch im Sand am Ufer zusammengerollt döste, Vögel schweigen. Bald wird es unerträglich heiß sein und still. So still, das selbst das laute Rauschen des Meeres nicht mehr auffällt. Es wirkt auch nur wie ein weiteres Stöhnen unter der Herrschaft der Sonne.
Das Thermometer in der Mittagssonne zählt bis 53°C. Dann gibt es auf. Die Hotelgäste sitzen unter Sonnenschirmen und Palmenschatten, spielen mit ihren Kindern Mensch-ärgere-dich-nicht oder Billard und warten auf das Ende der Hitze, obwohl sie doch deswegen hierhergekommen sind.
Ein älteres Ehepaar aus Deutschland ist schon seit fünf Monaten hier - Winterflüchtlinge. Sie haben sich dem Tempo hier angepaßt. Der schmale Mann sitzt im rundherum offenen Hotelvorraum, eine leichte Brise zieht immer hier hinduch. Er guckt ohne wirklich hinzusehen in den einzigen Fernseher, der ein verrauschtes Bild irgendeines indischen Senders bringt und Cricket überträgt. Die Angestellten sehen gebannt zu. Cricket ist hier Religion. Sri Lanka ist Weltmeister, von allen Seiten höre ich dieses stolze Tatsache. Unter Cricket kann ich mir nichts vorstellen. Erfahre erst durch das angestrengte Beobachten des rauschenden Senders, das es eine Art Baseball mit einem flachen Brett, statt eines runden Schlägers ist. Regeln verstehe ich sowieso nicht. Schon Baseball ist für mich nicht nachvollziehbar...
Die rundliche Ehefrau des schmalen Mannes sitzt auf einer Holzliege, eins der schweren Beine darauf ausgestreckt und liest einen der tausend gebrauchten, zurückgelassenen Touristen- Groschenromane, die hier an jeder Ecke zu haben sind. Das Essen wird ihnen vom Hotel quasi vor die Nase gesetzt. Auch eine Möglichkeit seinen Lebensabend zu verbringen.
Zu Hause in Deutschland liegt sicher Schnee. Hier herrscht Hochsommer. Alles ist hier langsamer, ruhiger, verständnisvoller. Vielleicht kann der Mensch in all der Hitze gar nicht so hektisch sein wie wir Europäer, vielleicht hat er dann zwangsläufig Zeit für Gespräche, die Familie, die Freunde, vielleicht bringt es die Sonne mit sich, daß wenig Arbeitszeit und viel Freizeit übrigbleiben, die die Menschen hier ausgelassen mit Schwatzen und Neckereien untereinander ausfüllen.

Und sie reden gern. Die Sprache der Singali ist klangvoll, die Worte lang. "Mama intakannawa" heißt nur "ich sitze". Sie schmücken gern lang und breit aus, was sie sagen wollen, vielleicht sind wir Europäer einfach nur zu kurz angebunden, zu hektisch, in jedem Satz ein `ich muß weiter` versteckt. Hier käme niemand auf die Idee einfach nur einen Fakt mitzuteilen, hier muß auch erklärt werden, wie, wer und warum es dazu kam.
(Wer Lust hat, die Sprache etwas näher kennenzulernen, dem empfehle ich die Broschüre "Spoken Sinhalese for Foreigners", die man auf dem Flughafen in Colombo kaufen kann. Sie enthält Lektionen in Englisch-Lautsprache Sinhala, so daß man die einfache Unterhaltung damit erlernen kann. Ich leihe sie auch gern aus)

 

 

Der Blick vom Hoteldach Richtung Dagobe. Höher als drei Stockwerk darf in Sri Lanka niemand bauen - außer in Colombo

Selbst im Inneren des Hotels ist alles offen - Ruhezone auf einem Gang. Ich finde, das Hotel ist für zwei Sterne einfach perfekt !

Der Blick von unserem Balkon - nun ja, viel Grün, viel Getier - und in Deutschland liegt Schnee.

 

 

 

 

Ich bin glücklich zum ersten Mal in meinem Leben richtig englisch sprechen zu können. Leider wurde uns "Ossis" Englisch nur drei Jahre lang und das auch nur zwei Stunden in der Woche gelehrt. Und auch nicht mal für jeden...
Mein Lieblingsfach war es dennoch, ein wenig blieb hängen, immer mal auf dem Laufenden gehalten mit sporadischen Übersetzungen der Lieder aus dem Radio, hier brauche ich es nun endlich einmal richtig. Meine Mutter spricht kein Englisch, ich bin also der Dolmetscher. Anfangs fürchte ich keinen Satz zu verstehen, aber bereits nach zwei Tagen ist es mir unangenehm mit einem Ceylonesen deutsch zu sprechen. Wenige können es, ich schwenke lieber auf englisch um, das bringt mir mehr. Mein Vokabelrepertoire ist spärlich, finde ich. Mitten im Satz fehlt mir das richtige Wort. Umständlich umschreibe ich, ärgere mich über mein mangelndes Gedächtnis. Lediglich die Grammatik und die unregelmäßigen Verben habe ich nicht verlernt. Und ein bißchen bin ich auch auf mich stolz und froh über diese Menschen, die soviel Geduld mit mir haben und mich sogar noch loben.

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