Besuch im Touristenzentrum
In Hikkaduwa
angekommen werden wir gleich nach dem Aussteigen mit der ganzen Lästigkeit
einer Touristenhochburg konfrontiert. Wir sind noch keine drei Meter auf dem
Bahnsteig entlanggegangen, da spricht uns der Erste an:
" Do you want to have a glasbottomboat ?" "No, thank you" " ... a tshuk-tshuk
?" "no" " ... I know the best corals", " NO !!"
Fünf Meter weiter das Gleiche noch einmal.
"Do you want to have...." "NOOO !!"
Ich bin drauf und dran mir ein Schild umzuhängen, denn auf dem Weg zum
Strand, die Straße entlang, höre ich diese Frage sicher sechzig Mal.
Ich komme mir vor wie in einem Fliegenschwarm. Niemand scheint hier zu ahnen,
daß ein Tourist auch OHNE Glasbodenboot leben kann. Wir sind genervt und
noch keine Stunde an diesem Ort. Es bleibt die Flucht, die Wanderung am Strand
entlang.
Unzählige Glasbodenboote liegen am Ufer. Ich frage mich, wie hier jeder
sein Geschäft machen kann bei diesem Überangebot derselben Sache.
Wir rasten am Strand vor dem riesigen Hotel Coral Garden. Angepriesen als die
beste Möglichkeit zum schorcheln und tauchen. Die schönsten Korallen
soll es hier geben.
Das fünfstöckige Hotel mit den unzähligen Zimmern nimmt diesen
ganzen Strandteil in Beschlag. Ein weitläufiger Garten, in dem sich Touristen
sonnen, wird von hohem Maschendraht umgeben. Außerhalb, hier am Ufer warten
Einheimische auf Kunden für ihre Boote. Ich bin froh, nicht hier den Urlaub
zu verbringen.
Das mag etwas sein für Leute, die die Animation brauchen, weil ihnen selber
nichts einfällt und die auf einen Fingerschnipp hin ihren Drink serviert
bekommen möchten. Jedenfalls nichts für mich. Etwas weiter mag es
kleinere Hotel geben und genauso "primitives" flair wie in Unawatuna, aber das
herauszubekommen reizt mich nicht weiter.
Es ist Mittag, die Sonne steht am höchsten Punkt und hier scheint es der
Tiefpunkt der Ebbe zu sein. Weit draußen ragen Felsen aus dem Meer, sämtliche
Glasbodenboote tuckern um sie - und die anderen Boote - herum. Dort dürften
die Korallen sein.
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Nach dem Motto : Hauptsache es hält. Diese Buden stehen direkt an der Straße - von der anderen Seite sind es Läden. |
Der Strand vor "Coral Garden". Die Wellen sind bei Ebbe stark, die Unterströmung leicht zu unterschätzen |
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Das Wasser ist "fußtief" und hat sicher 40°C. Eine Minimuräne auf Jagd nach den kleinen Fischen |
Sohn und Oma vor einer Wellenwand. Stundenlang hätte ich die Wellen hier fotografieren können. |
Ich habe
absolut kein Interesse an so einem Boot. Das ist doch dasselbe wie im Fernsehen.
Man sitzt an der Luft und betrachtet die Fische hinter der Glasscheibe. Es mag
schön, bunt, viel bunter als an unserem Hausriff sein, aber es ist nicht
real. Etwas für Nichtschwimmer und "wasserscheue" Kameras vielleicht.
Meterhohe Wellen türmen sich zwischen den Felsen und dem Ufer auf, überschlagen
sich schäumend, verschwinden plötzlich und plätschern an den
Strand. Ursache dafür ist ein weites, flaches Gebiet, das nur von wenigen
Zentimetern Wasser bedeckt wird. An seinem Ende mag ein kleines Riff die Wellen
aufhalten. Hier ist eine Art "Badewanne" entstanden.
Ich gehe neugierig dorthin um die Flora und Fauna zu betrachten und - verbrenne
mir fast die Füße. Das flache Wasser hat sicher 40°C, steht ohne
Bewegung in der Sonne.
Vorsichtig taste ich mich auf Zehenspitzen hinein. Unzählige kleine Fischchen
quirlen herum. Es scheint, als habe hier jemand sein Zierfischaquarium ausgekippt.
Klein, wie Neonsalmler oder Guppys, sind die Bewohner hier.
Weiße Fische mit blauen Köpfen huschen in kleinen Höhlen ein
und aus. Ein grau weiß gemusterte Schlange windet sich schnell durch das
Wasser. Ich verfolge sie neugierig. Es scheint eine Miniausgabe einer Muräne
zu sein - dem Kopf nach zu urteilen. Einsiedlerkrebse besteigen mit ihren winzigen
Schneckenhäusern die Steine. Sowas wie Seesterne mit unglaublich langen
"Armen" schlängeln über den Boden, verschwinden in einem Loch, lassen
nur noch einen Arm herausschauen.
Nichts von den Tieren hier ist mir bekannt. Daher bemühe ich mich, auf
keins zu treten, und taste mich bis zum Rand der Badewanne vor. Hier lassen
sich die Wellen gefahrlos beobachten und bestaunen. Mein Fototrieb ist erwacht,
ich warte auf DIE Welle um die weißen Kronen auf dem grünen Wasser
einzufangen.
Natürlich versuche ich auch mein Glück beim Schorcheln. Es mag an
der Ebbe liegen und gar nicht die rechte Zeit dafür sein. Aber ich bin
enttäuscht, sehe gar nichts. Die Wellen sind stark, werfen Schwimmer und
Schnorchler erbarmungslos hin und her. Die kleinen Riffe unter mir sind völlig
von Sand und aufgewirbeltem Staub bedeckt. Lediglich ihre Form verrät mir,
das hier diesselben Korallen wie "zu Hause" wachsen. Ein paar farblos-graue
Fische umrunden die Steine. Die nächste Welle wirft mich irgendwohin, der
Sog zieht mich zurück. Ich bin froh, einen Schnorchel zu haben, wie oft
wäre ich hier schon unfreiwillig unter Wasser gewesen. Ein Schnorchler
ruft im Lärm der Wellen einem anderen freudig zu, er habe einen Fisch gesehen.
Ich schüttle den Kopf. Wünsche mich zu "meinem" Riff zurück.
Schluß damit. Das Aussteigen wird zu einem Kraftakt. Das letzte Stück
muß ich rennen um nicht wieder vom Meer zurückgeholt zu werden.
Meine Mutter fragt, was mit meinem Knie los sei. Erst jetzt sehe ich, daß
das ganze Bein rot von Blut ist. Irgendwo habe ich also doch etwas getroffen
und nichts gemerkt. Das Salzwasser verteilt das Blut und ich sehe tatsächlich
aus, als habe mich ein Hai angefallen. ( den es hier gar nicht gibt ). Erst
nach längerer Suche entdecke ich eine unbedeutende Schramme am Knie. Nicht
weiter wild, aber an dieser Luft will einfach nichts verheilen.
Noch heute - fünf Wochen danach - habe ich eine Narbe, die noch immer nicht
verschwindet.
Unversehens frage ich mich, wie das die Einheimischen mit Verletzungen machen.
Ist ihr Körper etwa anders ? Was ist mit großen Wunden, Operationen
? Und überhaupt, woran erkennt ein Arzt eigentlich in der dunklen Haut
einen blauen Fleck ? Oder die Masern ?
Rätsel Mensch.
Ein Einheimischer spricht mich wieder wegen eines Bootes an. Diesmal werde ich
schroff. Kurz darauf ist er wieder zur Stelle, nimmt mir bereitwillig die Wasserflasche
aus der Hand, die ich vergeblich versucht habe zu öffnen. Irgendwie ist
mir das jetzt peinlich.
Er hockt sich vor mir in den Sand, hängt die Ellenbogen über die Knie,
malt mit einem Stöckchen Muster in den Sand und schwatzt mit mir über
dies und das. Sein Englisch ist sehr deutlich, man merkt, das er mehr als die
paar Touristensätze beherrscht.
Vier Kinder habe er, alles Söhne, bemerkt er stolz und kann überhaupt
nicht verstehen, das ich mit einem Kind genug habe.
Wir kommen auch auf die Politik zu sprechen. Wie viele andere will er von mir
wissen, was nun besser sei. Das Leben vor der Wende oder nach der Wende. Jetzt,
antworte ich und er meint, viele würden sagen, vorher war es besser. Ich
erkläre ihm, wie ich das sehe. Warum wohl viele dieser Meinung sind. Aber
ihr seid doch ein Volk, sagt er. Ihr gehört doch zusammen.
Ich wechsle das Thema, aus der Ferne sieht eben vieles anders aus.
Ihr seid doch auch ein Volk, sage ich. Die Tamilen und die Singali. Er lächelt,
senkt den Kopf und malt bizarre Muster. Vorsichtig versucht er mir zu erklären,
daß die Tamilen nicht gerade intelligent sind. Nicht viel im Kopf haben.
Mir fällt plötzlich ein, daß ich hörte, diese Meinung werde
auch von den Medien geschürt. Es wird noch lange kein Frieden sein...
Genauso wie die Russen, sagt er, die sind auch nicht intelligent. Und schlecht
"bad". Ich frage nach, was für Erfahrungen er denn gemacht habe.
"Neulich" sagt er " war eine Familie hier. Mann, Frau und Kind. Weißrussen.
Er kam mit einer Harpune, obwohl es steng verboten ist hier Fische in den Riffs
zu jagen. Er schwamm raus, schoß fünf Fische und kam damit an Land.
Da wartete dann schon die Polizei und nahm ihn fest. Weißt du, was er
gemacht hat ? Er hat lächelnd die Kaution bezahlt und ist heimgegangen.
Das sind keine guten Menschen".
Er senkt den Kopf und zerstört sein Muster. Ich denke nach. Die wenigen
Russen, die sich einen Urlaub hier leisten können, haben ihr Geld wahrscheinlich
kaum legal erworben. Gut möglich, daß damit dann auch automatisch
eine gewisse Großkotzigkeit verbunden ist.
" Ich lerne jetzt japanisch" sagt er plötzlich. Ich stutze. Soviele japanische
Touristen habe ich hier doch noch gar nicht gesehen. Ich bewundere diesen Mann.
Er hat sowenig von einem "Touristenfänger" ansich, aber soviel Würde.
Doch, es gibt viele, bestätigt er. Dann erzählt er mir eine unglaubliche
Geschichte, die ich noch nie zuvor gehört habe. Ich kann daher nichts über
ihren Wahrheitsgehalt sagen, noch nicht mal, ob ich alles richtig übersetzt
habe.
Nach dem zweiten Weltkrieg, sagt er, haben sich die beteiligten Staaten zusammengefunden
um über einen Frieden zu verhandeln. Auch ein Vertreter Sri Lankas sei
dabei gewesen. Warum, weiß ich nicht. Manche Länder hätten gesagt,
sie bräuchten den Krieg, wollten ihn nicht beenden. Andere wollten, das
sofort ein Ende sei. Es habe keinen Ausweg gegeben, bis der Vertreter Sri Lankas
sich erhoben und gesagt hätte `denkt daran, was Buddha gesagt hat. Denkt
zuerst nach, bevor ihr alles zerstört`. Daraufhin hätten alle geschwiegen
und man habe sich auf das Ende des Krieges einigen können.
Aus Dankbarkeit stünde noch heute ein Denkmal dieses Ministers in Japan;
und Sri Lanka hätte Sonderkonditionen beim Import von japanischen Waren.
Das würde die vielen japanischen Wagen erklären die überall zu
sehen sind...
Wir beschließen einen Zug eher zurückzufahren und machen uns auf
den Rückweg. Es ist noch immer brütend heiß. Die Hitze zieht
den Asphalt hinauf, die Beine entlang. Benzingeruch liegt in der Luft, vermischt
mit Fisch.
Am Bahnhof angekommen - der diese Bezeichung eigentlich nicht verdient - wollen
wir Fahrkarten kaufen. Der Dicke hinter dem Schalter mit den ergrauten Negerlocken
schüttelt den Kopf.
"Forsenn" sagt er, hebt beide Handflächen und ich gucke ihn verständnislos
an.
"FORSENN !", er wird immer lauter und brüllt dieses Wort schließlich.
Augenblicklich frage ich mich, wieso die Leute eigentlich denken, nur weil man
etwas nicht versteht, sei man taub.
Von seinen Augen sieht jedes in eine andere Richtung und ich beginne langsam
zu zweifeln, ob er überhaupt mich meint.
Ein anderer Einheimischer sieht dem Treiben eine Weile gelassen zu, fungiert
dann als Dolmetscher. `Four ten` habe das geheißen. Also vier Uhr zehn,
würde erst der nächste Zug fahren. Was denn mit dem Jetzigen sei,
will ich wissen. Bis dahin sind es schließlich noch über zwei Stunden.
"Terroristen" meint er und zuckt die Schultern. Ein Zug weniger heute.
Es läßt sich kaum überprüfen, was wirklich geschehen ist
und der - überhaupt nicht vernünftig englisch sprechende - Beamte
widmet sich dem zweiten Kunden, als sei das alles normal.
Uns bleibt das Tshuk-Tshuk. Na gut. 300 Rupees bis Galle. Aber wenigstens wieder
zu Hause!
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