Zügig durchs Land
Hört
man etwas von Mallorca, fällt wohl zuerst der Name "Palma de Mallorca".
Hört man etwas von Tunesien, gehört der Name "Sousse" dazu und zur
Dominikanischen Republik fällt einem wohl zuerst die Stadt "Sosua" ein.
Touristenzentren, erlebnisreich, laut, voller Animation, Disco, heimatliches
Flair.
Ebenso dürfte auch der Ort "Hikkaduwa" ganz oben auf der Liste stehen,
wenn man Touristenorte in Sri Lanka aufzählen soll.
Hotelburgen, fünf Sterne meist, Riesenanlagen, überall Ausländer
mit kurzen Hosen, Sonnenbrille, Kamera vor dem Bauch. Das wollten wir auch mal
betrachten. Vielleicht genießen, daß wir gerade mit unserer Wahl
die Bessere getroffen haben.
Wir fahren mit dem Tshuk-Tshuk nach Galle und wollen von dort mit dem Zug nach
Hikkaduwa. Eine Zugfahrt wurde uns von vielen Seiten empfohlen. Also muß
man das auch mal mitgemacht haben.
Es ist fast Mittag, unwahrscheinlich heiß wieder, aber so langsam hat
sich der Körper der Hitze angepaßt. Alles ist eben etwas langsamer,
vielleicht auch das Denken.
Die "Railway Station" von Galle hat tatsächlich etwas von einem richtigen
Bahnhof. An der Wand lehnt eine handgeschriebene Tafel, die von den Abfahrtszeiten
der wenigen Züge kündet. Wir wählen den "Expreß". So genannt,
weil er auf der vielleicht 20km langen Strecke bis Hikkaduwa nicht überall
halten wird.
Es kostet für uns drei die schier unglaubliche Summe von 30 Rupees. Das
sind knapp 95 Pfennig.
Eine große Holztafel hängt unter einer Uhr. Pappuhren zeigen darauf
die Abfahrtszeiten auch für Analphabeten an. Es gibt nur drei Gleise.
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Der handgeschriebene Fahrplan für die Verbindungen Matara / Colombo und umgekehrt - wir fahren 10.30 mit dem Expreß |
Es gibt nur drei Gleise. Schilder werden angehängt, wenn der Zug fällig ist |
Einheimische warten, bis der Zug vorbei ist und laufen dann wieder auf den Gleisen |
Morgens,
sagte man uns, seien die Züge überfüllt, stünden die Leute,
die zur Arbeit fahren dicht an dicht. Um diese Zeit ist das kaum zu erwarten.
Eine Diesellok in den Nationalfarben grün, gelb und rot tuckert dröhnend
in den Bahnhof ein. Ein irgendwie seltsames Bild für mich: ein normaler
Bahnsteig, eine normale Lok und Palmen im Hintergrund.
Das Abteil ist staubig, wohin man sieht. Die braunen Lederbezüge der Sitze
der zweiten Klasse haben überall Schlitze, sind wohl irgendwann brüchig
geworden in der salzigen Luft. In Käfigen an der Decke drehen sich müde
Ventilatoren. Die Scheiben sind schmutzig, staubig, fleckig. Überall abgesplitterter
Lack und Rost.
Eine schöngekleidete Frau, mit sehr viel Gold behangen, wischt ihren Sitz
mit einem Tuch ab, setzt sich, mustert lächelnd meinen Sohn und nickt mir
freundlich zu.
Vergeblich versuche ich, das Fenster zu öffnen. Diese Art Mechanismus hier
ist mir unbekannt. Von irgendwoher kommt ein junger Mann. Dunkle Arme schauen
aus dem hochgekrempelten weißen Hemd hervor. Er lächelt, öffnet
das Fenster gekonnt, läßt meinen Dank nicht gelten. Eine junge Europäerin
mit Rucksack nimmt hinter uns Platz, holt einen Reiseführer hervor und
versinkt in der Lektüre.
Menschen laufen draußen auf dem Bahnsteig entlang, versammeln sich um
ein kleines Waschbecken, lassen den schmalen Wasserstrahl in die Hand laufen,
trinken, befeuchten den Nacken, schließen akkurat den Wasserhahn und gehen
weiter. Nichts darf hier verschwendet werden.
Wir warten. Die Abfahrtszeit ist längst vertrichen, aber daß man
es hier nicht eilig haben darf, daran haben wir uns schon gewöhnt. Ein
starker Ruck schiebt die Wagen mehrere Meter weiter in den Bahnhof hinein. Aha
- da wurde wohl die Lok vorn wieder angekuppelt.
Trommelklang, Flötenmusik klingen den Bahnsteig entlang. Eine unbekannte
Fahne wird heftig geschwungen, eine Schulklasse bestehend aus lauter Jungs,
vielleicht um die 14 Jahre alt, zieht an unserem stehenden Zug entlang. Sie
tragen weiße Schuluniformen, sehen sauber und elegant aus. Ein Internat
? An jedem offenen Fenster bleiben sie stehen und betteln lachend um Geld. Anscheinend
finanziert man hier so einen Schulausflug. Oder war das wieder irgendein Schul-cricket-sieg
?
Endlich ruckt der Zug an, setzt sich schaukelnd im Bewegung. Die Gleise hier
sind allesamt krumm. Die Wagen schaukeln sich auf, teilweise hüpft man
von den Sitzen. Unbeeindruckt steigert die Lok ihre Geschwindigkeit. Ich muß
schon sagen, unseren Regionalzügen steht sie in nichts nach !
Der Klang einer Flöte zieht durch die Abteile. Ich frage mich, wer hier
ein Konzert für die Fahrgäste gibt. Ein barfüßiger Händler
kommt durch, eine Stange Süßigkeiten und undefinierbare Nüsse
in der Hand. Ein zweiter Händler kommt mit Fisch. Der Geruch paßt
nun überhaupt nicht hierher. Das Flötenspiel wird lauter. Langsam
schlurft ein Greis herein mit einem Blindestock. Aber auch ohne den wäre
nicht zu übersehen, daß er nur ein Auge hat, und auch das ist eigentlich
nur grau. Er bekommt 10 Rupees von uns, bedankt sich immer wieder und geht flötenspielend
weiter.
Überall stehen die Fenster offen. Selbst die Türen sind nicht geschlossen.
Der Fahrtwind kühlt, bringt Staub und Blätterstückchen mit herein.
Die Fahrt geht durch Bananenplantagen, verworrenen Miniatur-urwald, vorbei an
Kokospalmen und geflochtenen Palmblatthäuschen.
Viele Einheimische stehen nur wenige Meter neben dem vorbeifahrenden Zug, warten,
gehen dann zurück auf die Gleise und laufen auf ihnen entlang. Unzählige,
arm aussehende, Hütten bilden kleine Siedlungen neben den Gleisen. Frauen
hängen Wäsche auf, Kinder winken, balgen sich mit Hunden. Der durchdringende
Lärm des Zuges ist hier Gewohnheit geworden.
Einheimische sehen dem Zug nach. Alle winken, lachen, ich winke zurück.
fühle mich mehr zu Hause als sonstwo. Ich stecke den Kopf soweit wie möglich
aus dem Fenster. Genieße den Fahrtwind, den Lärm der Geschwindigkeit,
sehen im Geiste deutsche Sicherheitsinspektoren die Hände über den
Köpfen zusammenschlagen. Hier gehört Fahrlässigkeit zum Alltag.
Aber - nichts passiert.
Mehrere Gleise treffen sich, Frauen springen winkend darüber und laufen
auf unseren Zug zu. Ein Bündel wird herausgeworfen. Eine Frau geht langsam
hin, bückt sich, winkt zurück.
War das die Post ?
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