20 Zentimeter unter dem Meer
Vormittags
gegen zehn Uhr gehen wir fast jeden Tag schorcheln auf der linken Seite der
Bucht, wenn das Korallenriff sich in der Ebbe hebt und zwischen Riff und Ufer
für einige Stunden fast Wellenstille herrscht.
Bis zu den ersten kleinen Anfängen des Riffs sind es ungefähr 100m,
aber schwer zu schwimmen. Die Wellen, die sich nun plötzlich auf dem Meer
aufbauen und weißbekront über die Ausläufer der Sandbank schlagen,
bringen ihre Kraft dennoch bis hierher. Strömung herrscht. So stark, das
man ohne Anstengung, auf dem Wasser liegend in wenigen Minuten zum Hotel gespült
wird. Zu Fuß braucht man am Ufer entlang zehn Minuten bis hierher.
Möge der tauch- und schnochelerfahrene Leser es belächeln, aber ich
bin vom ersten Moment an fasziniert von den Möglichkeiten, die Taucherbrille
und Schorchel bieten, so daß ich am liebsten den ganzen Tag "unter Wasser"
verbringen würde.
Der anstrengende Weg zu den Korallen läßt sich am besten mit dem
Kopf im Wasser überbrücken, habe ich herausgefunden. Da ist es nicht
so langweilig.
Wenige Meter vom Ufer entfernt sinkt der Boden unter mir ab. Ich lasse interessenhalber
die Beine baumeln, es läßt sich alles so schlecht schätzen.
Aber es mögen vier Meter sein, die es hier hinunter geht. Für mich,
die ich ohne Schnorchel nicht tauchen würde und die mit Kontaktlinsen auch
nicht unter Wasser - schon gar nicht Salzwasser - die Augen öffnen würde,
ist das ein völlig neuer Anblick.
Die Sonne dringt noch bis zum Boden. Einige Lichtschleier bewegen sich in den
Sandwellen entlang. Ein paar eilige Fische klappen die seitlichen Flossen zusammen
und schnellen voran.
Steine liegen hier, ausgespülte Teile des Korallenriffs, dazwischen eine
vollgelaufene Wasserflasche, eine Walkmanbatterie, irgendein rostiges Stahlstück.
Ich tauche auch die Ohren unter Wasser, obwohl ich mich bereits am Strand auf
einem Bein hüpfen sehe. Mein eigenes Atemgeräusch ist das Lauteste
hier. Über mir klappert dumpf eine Welle, anders kann man diesen Ton nicht
nennen.
Ein Kugelfisch rudert am Boden entlang. Ich bin begeistert. Als ich vor vielen
Jahren noch ein Aquarium besaß, war das meine große Attraktion.
Mein Kugelfisch war höchstens drei Zentimeter lang gewesen und hatte gelbe
Kringel auf dem braunen Leib. Dieser hier ist wesentlich größer.
Schlecht zu schätzen. Vielleicht zwanzig Zentimeter ? Er ist fast weiß,
oder grau, hebt sich kaum von der Farbe des Bodens ab. Aber an dieses charakteristische
Schwimmen kann ich mich noch genau erinnern.
Die meisten Fische sind ja "zweidimensional". Kugelfische hingegen von jeder
Seite gut zu sehen. Sie sind mehr viereckig, werden erst im geärgerten
Zustand zur Kugel. Die Augen sind groß, scheinen in dem dicken Schwimmer
keinen Platz zu haben, das Maul hat etwas von einem kurzen Schnabel. Sie fressen
Schnecken und anscheinend war dieses Exemplar hier gerade damit beschäftigt.
Die kurzen Wedel an den Seiten kann man kaum Flossen nennen. Sie flattern wie
die Flügel eines Kolibris und treiben den vergleichsweise schweren Fisch
nur mühselig voran. Was hat sich die Natur eigentlich gedacht, als sie
einem so schwerfälligen Tier einen so kleinen Motor mitgab ?
Umständlich dreht er sich zur Seite, blickt nach oben, sieht mich und schaltet
auf `volle Fahrt`. Dann paddelt er um einen Stein herum, findet etwas, schnappt
danach, vergißt mich und tuckert langsam weiter.
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Hinter den ersten dunklen Steinen ist bereits das Riff als Streifen im klaren Wasser zu sehen |
Nur wenige Zentimeter über mir rauschen die Wellen hinweg. Sonnenlicht streift über die Farbenpracht der Korallen |
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Rosa, braun und gelb wechseln einander ab. Bizarre Formationen tauchen nacheinander auf |
Eigentlich ganz gelb sind diese stachligen Korallenteller am Rand des Riffs. Gleich daneben beginnt der Abgrund |
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Dann
steht es plötzlich vor mir. Das erste Korallenriff meines Lebens. Zugegeben
ein -chen. Inmitten des sauberen, hellen, irgendwie aufgeräumt wirkenden
Sandes steht ein kleiner dunkler Berg, dessen Spitze fast aus dem Wasser ragt.
Er mag zwei Meter im Durchmesser haben und wirkt durch seine Kompaktheit plötzlich
wie eine Oase in der Ödnis.
Braune Korallen, rund wie Badeschwämme und genauso löchrig, bilden
anscheinend das "Grundteil". Rosa und gelbe Korallen wachsen in handtellergroßen
Büscheln darauf. Sie sind nicht höher als die kleinen gelben Pilze,
die man im Herbst in den Wäldern finden kann und sich dann angesichts des
naßkalten Wetters wünscht, bei ihren Namensvettern zu sein.
Die kleine Blütenkissen in den Bergen stehen hell- und dunkelrosa Korallen
beieinander. Genauso rund, genauso voller leuchtender Farbe.
An die Windungen des Gehirns erinnert eine Art, die sich gelb leuchtend über
den Steinen ausbreitet. Es scheint, als habe sich eine weiche Decke den Unebenheiten
des Untergrundes angepaßt und jede Ecke ausgefüllt.
Kleine grüne Korallen wedeln in den Wellenbewegungen hin und her. Man könnte
sie für Algen halten. Sie sehen aus wie aufgefädelte Plättchen,
winzig, grün an einem unzerstörbaren Halm. Will man so eine Kette
zerreißen, zerbrechen eher die Plättchen, als das der "Faden" reißt.
Wie Gras im Wind bewegen sie sich gemächlich hin und her.
Ein knallgelber Zitronenfisch schwimmt vorbei, verschwindet in einer winzigen
Höhle. Kleine leuchtend blaue Fische, so grell, als hätten sie Phosphor
gegessen, umrunden das Miniriff. Ein vergleichsweise riesiger gestreifter Fisch
erscheint, die anderen verschwinden sofort.
Er sieht aus, als hätte er noch den Schlafanzug an. Auf der gelben Grundfarbe
leuchten hellblaue Längsstreifen, von dunkelblauen eingerahmt.
Anscheinend ist dieser Fisch die Delikatesse, der die Einheimischen in diesem
Riff nachstellen.
Ich schwimme weiter, möchte nun auch das Ganze in Großformat genießen.
Ein Berg taucht vor mir aus dem Nebel der Schwebstoffe auf. Er beginnt vielleicht
fünf Meter unter mir, reicht bis zur Oberfläche und besteht aus nur
einer Korallensorte. Er sieht aus, als habe man tausende dunkle Badeschwämme
zusammengeklebt und dann glattgeschliffen. Irgendwie hat er etwas Furchteinflößendes
an sich. Macht das die dunkle Farbe oder das vermeintlich abgestorbene Äußere?
Etwas weiter tummeln sich Wimpelfische um einen zerklüfteten Riffteil.
Schwarz gelb gestreift, die Rückeflosse reicht bis über ihren eigenen
Schwanz, ganz platt sind sie und suchen zu zweit Nahrung in den Ritzen.
Unter mir wieder sauberer, aufgeräumter Sand, bis zur nächsten Riffburg.
Irgendjemand hat wohl unzählige Geweihe von Rehböcken zusammengebunden
und hier abgestellt. Die braunen Korallen mit den weißen Spitzen erinnern
mich sofort an die abgewetzten Spießer der heimischen Rehe.
Dazwischen wieder die rosa Kissen, filigrane Minigeweihe in der braunen Rehfarbe,
gelbe Korallendecken und graue Badeschwammkugeln.
Im Augenblick eingefrorene und für immer erhaltene Kleckerburgen ziehen
bizarre Muster über das Riff. Sie wachsen nach oben, nach den Seiten, umschließen
kleine "Höfe". Traum eines jeden sandspielenden Kindes, so etwas hinzukriegen.
Dann komme ich zu der für mich faszinierensten Gegend, zu der ich jeden
Tag zurückkehre. Mittlerweile weiß man ja, wo man abbiegen muß.
Sanft steigt vom Meeresgrund ein Hügel auf, bewaldet von dem grünen
"Klingelgras" ( denn getrocknet klirren die Plättchenketten wie kleine
Glöckchen. )
Dazwischen einige große und kleine Geweihe mit weißen Spitzen, winzige
rosa Kissen, versteckt in dem sich wiegenden Grün.
Eine Art finde ich besonders drollig. Hellgrüne Perlen, so groß wie
Erbsen. Aufgereiht auf einem "Faden" bilden sie kleine Grüppchen. Eine
Algenart wahrscheinlich. Es fühlt sich irgendwie schleimig an. Ich beschränke
mich aufs Beobachten, denn dieses Gefühl mag ich gar nicht.
Wie kleine vertrocknete Baumpilze stehen einige Korallen treppenartig übereinander,
braun, mit gelbem Rand. So weit man in dem klaren Wasser blicken kann, nur Perlen,
wiegendes Gras, rosa Häufchen. Ein faszinierend friedlicher Anblick.
Diese "Perlengärten" sind ungefähr zwanzig Zentimeter unter der Oberfläche.
Ich weiß, das es unvorsichtig ist, so dicht über die scharfen Korallen
zu schwimmen. So weich sie auch aussehen, sie sind wie mit Sandpapier überzogen.
Eine jede Welle kann den Schwimmer dazu bringen entweder die Korallen zu streifen,
oder ihn genötigt sehen, sich auf sie zu stellen. Das ist dann für
die Korallen fatal.
Ich suche mir eine grüne Stelle aus, taste vorsichtig mit den Zehen darauf
und stelle mich dann hin. Hier habe ich noch nichts zerstört. Ein Blick
über die Oberfläche zeigt ein weiteres faszinierendes Bild. Jede Welle
läuft langsam über diesen "Garten" und nach ihr heben sich die rosa,
grünen, gelben und braunen filigranen Naturwunder heraus ans Licht. So
weit ist der Wasserspiegel nun gesunken.
Das salzige Wasser trägt. Man kann sich darauf legen und einfach treiben
lassen. Ich genieße die Schwerelosigkeit, korrigiere nur mit den Fingern
meine Richtung. Die Ohren unter Wasser bin ich mit allen Sinne hier. Alles andere
wäre reiner Selbstbetrug.
Vertrauensvoll und angesteckt von dem Frieden dieser Welt lasse ich mich über
die Gärten tragen. Grünes "Gras" kitzelt meinen Bauch, ein blauer
Fisch versucht zu erraten, ob ich feindlich gestimmt bin, Gestreifte spielen
wohl miteinander Fangen, der Verfolger erstrahlt kurz in aufgeplusterten Farben,
verblaßt wieder und schwimmt in sein Revier zurück.
Ich verweile kurz, ankere mit einer Hand. Ein kleiner unscheinbarer Fisch umrundet
das Neue, pickt vorsichtig und schwimmt enttäuscht weiter.
Völlig hingerissen von diesem "außerirdischen" Zauber schwimme ich
immer weiter hinaus, vorbei an neuen runden und eckigen Burgen, runden Blasen
und zerklüfteten Bruchstücken. Wie riesige Baumpilze stehen gelbe
sachelige Korallen übereinander. Aus jeder Einbuchtung scheint ein neuer
Teller gewachsen zu sein. Ein schwarz weiß gestreifter Fisch mit orangener
Umrandung sucht mit spitzem Maul in den Zwischenräumen.
Und dann... bin ich am Ende des Riffs.
Abrupt endet die Zauberwelt und verschwindet in der Tiefe. Steil geht es nach
unten, versinkt alles Klare im Nebel der im Wasser schwebenden Teilchen. Dunkel
wird es ab hier. Nach wenigen Metern enden alle Farben. Ein paar Wimpelfische
tauchen hinunter, picken am Riffende herum. Werden langsam grau und verschwinden
im Nichts.
Ich schwimme also über dem Abgrund. Ein seltsames Gefühl. Unversehens
erinnere ich mich an ein Buch, indem ein sehr, sehr klarer See beschrieben wurde,
in dem nicht einmal erfahrene Schwimmer baden wollten, weil man noch bei zwanzig
Metern Tiefe den Grund und den eigenen Schatten sah.
Ein archaisches Gefühl übernimmt die Herrschaft über mich. Nichts
wie zurück zum sicheren Boden. Dabei ist es so egal - ich kann schwimmen.
Ich schwimme auch über größeren Tiefen.
Mit Brille und Schnorchel ist es etwas anderes. Hier fliege ich und da warnt
mich dann etwas vor dem vermeindlichen Absturz.
Dieses Gefühl ist einzigartig. Bedrohlich, völlig ungefährlich.
Genießerisch zu erleben, wenn erwartungsgemäß die eigene Angst
auftaucht. So ähnlich muß es Bungeespringern ergehen.
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