Edelsteine machen nur Wenige reich

Ein Besuch in einer Moonstonemine mitsamt angeschlossener "factory" und Verkaufsraum ruft wieder die Elster in mir wach. Der Inhaber dieser Werkstatt läßt auf seinem Boden Moonstone heraufholen. Wir besichtigen diese Mine. Inmitten eines Feldes, auf dem Zimt angebaut wird, steht ein morsches Bauwerk aus Holz, ähnlich einem Brunnen. Ein kleiner Schacht im Boden, vielleicht zwei Meter im Quadrat, reicht 30m in die Tiefe. Die Seiten sind abgestützt mit Holzbalken,die hineingeklemmt werden, Zwischenräume werden mit besonderen Farnblättern ausgestopft, um hineinsickerndes Grundwasser so lange wie möglich aufzuhalten. Zwei Männer, deren dunkle Haut mit hellen Lehmflecken verschmiert ist, warten an einer primitiven Winde auf ein Signal von unten und ziehen den geflochtenen Korb hinauf. Bedrohlich knarrt das ausgefranste Seil, knirscht es in der Winde und im Dach. Überall richt es nach Lehm, nassem Farn und faulem Holz. Wasser rinnt aus dem Korb, regnet auf den Mann in der Tiefe, von dem nur ein schmutziges Kopftuch zu sehen ist. Er ruft etwas nach oben, es klingt dumpf. Ich hätte eigentlich einen Hall erwartet, aber hier gibt es nun mal keine weitläufigen Gänge in der Erde, nur senkrechte Löcher.
Ein Mann hängt den Korb ab, wirft einen flüchtigen Blick auf uns Touristen, bemerkt uns kaum, hätte wohl auch jeden Baum so angesehen und trägt den Flechtkorb zu einer Schlammpfütze. Er ist schwer, sein Arm geübt, Muskeln treten zwischen den sichtbaren Knochen hervor.

 

 

Was wie ein Feriencamp aussieht, ist eine Edelsteinmine. Unter den Dächern sind die "Löcher"

Fast 30m tief ist dieses Loch. Der Schlauch rechts oben pumpt stets das eisige Grundwasser ab

Die geförderten Steine werden abgespült im ausgepumpten Wasser

 

Die Minenarbeiter haben die schwerte Arbeit. Bezahlt wird nach einem Anteilsystem - wobei der, der in der "Hackordnung" ganz unten ist, die schwerste Arbeit und den schlechtesten Lohn bekommt. Viele Minenarbeiter werden Alkoholiker, weil Alkohol etwas Wärme bringt nach dem Tag im kalten Wasser.

 

In diesem ganzen Korb waren nur zwei Moonstone

Primitive Werkstatt für wunderschöne Ergebnisse

Ich frage mich, wie man in diesem dreckigen Loch noch etwas waschen kann. Er steigt hinein, schwenkt den Korb wie ein Goldwäscher seinen Teller und reicht ihn mitsamt dem am Boden befindlichen Kies schließlich unserem Begleiter. Mit geübten Händen wühlt der darin herum. Alles sieht für mich gleich aus. Quarzkiesel, würde ich sagen. Weiß, gelblich, grau sind sie alle. Mit zwei Fingern fischt er einen unscheinbaren Stein heraus. Vielleicht bohnengroß. Scharfkantig, eckig, wie Splitter einer Autofensterscheibe.
"Ein blauer Mondstein" sagt er "die gibt es nur hier. Alle blauen Mondsteine kommen aus dieser Mine. Sie sind sehr selten. Viele Händler betrügen deshalb die Touristen. Sie legen die Steine auf blauen Samt und dann schimmern sie auch bläulich".
Jetzt erkenne ich den besonderen Unterschied. Der perlmuttfarbene Steine hat einen deutlichen blauen Schimmer. Die Sonne scheint gerade durch die Bäume, trifft den Stein auf seiner Hand. Hell leuchtet er auf, erklärt von selbst wie es zu der Legende kam, er sei eingefangenes Mondlicht.
"Die Mondsteine stecken dort unten im Gestein. Das muß man erst zertrümmern um sie hochzubringen."
Er wühlt weiter, findet noch einen, jedoch nur einen weißen. Ein paar Quarze noch. Liegt Quarz nicht überall herum, frage ich mich ? Sowas nimmt man auch für Schmuck ?
Der Rest aus dem Korb wird auf einen Haufen geworfen. Glitzernd lügt der Kieshaufen in der Sonne etwas von unbemerkt vergessenen Edelsteinen.
Wir gehen wieder, der Wäscher geht schweigend zurück. Der hagere, drahtige Mann an der Winde hängt den Korb wieder ein.
"Das ist sein Vater", sagt unser Begleiter, " Er ist schon über 70. Die Mine geht noch gut. Sie verdienen hier gutes Geld".
Fassungslos sehe ich zurück. Sehe, das trotz allem die Arbeit schwer und wenig ertragreich ist und frage mich, wie dann `schlechtes Geld` aussieht.
Er zeigt uns die Werkstatt. Seine Angestellten schleifen die Steine hier zu den begehrten Schmuckstücken.
Ein uraltes Gerät wird nur noch für Touristen in Gang gesetzt. Mit einem Bogen, dessen Sehne um eine Achse geschlungen ist, wird eine Schleifscheibe angetrieben. Der Schleifer hockt im Schneidersitz, schiebt den Bogen hin und her. Die Scheibe dreht sich - hin und her, vor und zurück... Mit der anderen Hand hält der den Stein daran, aufgeklebt mit Wachs auf die Spitze eines Stockes.
Mitleidig betrachte ich diese mühselige Arbeit und frage mich wieviele Sehnenschäden es bei den Arbeitern hierbei wohl gegeben haben mag.
Stolz zeigt der Minenbesitzer seine moderne Schleifmaschine im nächsten Raum. Ein deutscher Motor sei das, sehr zuverlässig. Ich schmunzle. Hier wirkt die Legende von den zuverlässigen deutschen Maschinen also noch immer.
Eine Frau hält die Stöcke mit den Moonstones an die schnurrende Scheibe, dreht und wendet sie, bis sie halbrund geworden sind. Die traditionelle Form des Mondsteines. Halbrund, wie sein Namensgeber.
Einen Raum weiter sitzen zwei junge Goldschmiede. Sie sehen nicht mal auf, als wir eintreten. An einem rostigen Arm hängt eine kleine Neonlampe vor ihnen, beleuchtet den unglaublich primitiven Arbeitsplatz. Auf einem abgegriffenen, speckigen Holzbrett liegen einige modern aussehende Zangen, Feilen und Pinzetten, rostig geworden in der feuchten Luft. Silberspäne sind überall verstreut. In seinen fast schwarzen Händen mit den leuchtenden hellen Fingernägeln hält der Meister des Schmucks einen Ring. Der Moonstone paßt noch nicht. Er drückt den klobig aussehenden Männerring auf den Rand des Brettes, so sehr, das sich die Fingerspitzen verbiegen. Hier gibt es keinen Schaubstock. Mit der anderen Hand beginnt er mit einer kleinen Säge das Loch für den Stein zu vergrößern. Das sieht so unglaublich umständlich und unpassend aus, das ich den jungen Mann nur bewundern kann, denn ich weiß mittlerweile, welche Ergebnisse auf diese Weise erzielt werden.
Sein ebenso junger Nachbar fertigt Kettenanhänger. Moonstone und Topase liegen aufgereiht auf seinem speckigen Brett, darunter zugeordnet die goldenen Fassungen. Jetzt sind sie noch nicht gold, eher schmutzig braun, werden später noch poliert. Eine ehemalige Schuhcremedose dient ihm als "Lötplatz". Auf einer alten Untertasse steht eine selbstgebaute Lötlampe, ein Miniflammenwerfer. Mit einer Pinzette bastelt er den Goldkranz und die winzige Öse, in die später der Anhänger kommen soll, auf der Schuhcremedose zurecht. Irgendeine Substanz, zäh wie Teer, verhindert, daß sie verrutschen. In einem Kronkorken befindet sich sowas wie ein Flußmittel zum Löten. Er tupft es auf, wirft die Lötlampe an und taucht beides in eine helle, heiße, rauschende, blaue Flamme.
Eine Menge Chemikalien stehen in offenen Schraubgläsern auf dem Tisch. Keine Ahnung, was es ist und wozu - und ich will es auch gar nicht wissen.
Ein großer rostiger Nagel steckt im Brett. Der Goldschmied faßt mit einer Pinzette sein Werk an, legt es auf den Nagelkopf und klopft vorsichtig mit einem Hämmerchen die Öse in die richtige Richtung.
Oh wunderbare Einfachheit - warum muß eigentlich immer alles so kompliziert sein...
Im anschließenden klimatisierten Verkaufsraum lagern tausende Schmuckstücke und Einzelsteine. Riesige Klunker, die Zielgruppe ist mir sofort bekannt - die gehen auf jeden Fall ins russische Ausland. Üppige Goldanhänger, Colliers, die einem den Hals herunterziehen würden, tiefblaue Topase, die mir - mittlerweile erfahren - ihre eigentliche Tiefe verraten.
Ich heuchle Desinteresse, gehe gelangweilt von Vitrine zu Vitrine. Ein deutscher Tourist beschäftigt die Angestellten. Schon die ganze Zeit fiel er uns unangenehm auf mit seiner Besserwisserei. Hier ist es nicht anders. Sprach er draußen noch davon, das solches "Glitzerzeug" nur was für Frauen sei, wird er hier zum Fachmann und kommentiert einen ihm gezeigten Saphir mit
"Beautiful, a real beautiful stone. I can see this !"
Er hätte ihn nicht mal von einem Straßstein unterscheiden können.
Ich begreife, warum die deutschen Touristen keinen guten Ruf haben.
Es zieht mich zu der Vitrine mit den in einer Schale liegenden, blauen Steinen. Wie immer. Sie haben die Tropfenform, die ich mir vorgestellt hatte. Aber ... ich habe ja schon einen.
Ein Angestellter zeigt mir die Schale aus der Vitrine. Holt eine Waage mit einer Digitalanzeige, so groß wie eine Zigarettenschachtel, hochmodern. Mit der Pinzette legt er einen Topas darauf. 4,5 Karat zeigt sie an. Er ist etwas größer als eine Erbse.
Der Verkäufer rechnet umständlich auf einem Taschenrechner, so daß ich mich frage, ob das nur für Touristen sei, und meint, für 48,- DM würde ich ihn bekommen.
"Gekauft" jubelt es in mir und ich schüttle verneinend den Kopf.
"Weil Sie es sind" sagt er und geht auf 40,- herunter.
In dem Moment ruft sein Chef, bittet mich Platz zu nehmen und in Ruhe zu wählen. Er bietet mir Tee an, ich spüre, hier komme ich nicht so schnell weg, wenn ich annehme.
"Die haben alle dasselbe Gewicht" sagt er. " wählen Sie einen, der ihnen am besten gefällt."
Ja, betont er, die kosten alle 40,- DM.
Ich wähle unter den vielleicht 12 Topasen einen aus, der eine Nuance dunkler scheint. Er hat eine schöne dicke Form, viele Facetten, das ist er - MEIN Stein.
Mit einer Pinzette hebt ihn der Chef auf die Karatwaage. Sie zeigt 5,45 Karat. Ich muß grinsen. Das ist ein Karat mehr, und er wird nun wohl kaum bei seinem Preis bleiben.
Er ruft etwas nach hinten, zu dem Angestellten, der mir den ersten abwog. War das ein Rüffel ?
Es bleibt ihm nicht viel übrig, er hat es versprochen. Ich diskutiere nicht lange, mache ihn darauf aufmerksam. Meine "Händlerader" erwacht, ein unangenehmes Gefühl angesichts dieses Preises und der schweren Arbeit bleibt jedoch. Allerdings ist er nicht derjenige, der sich mit irgendeiner Arbeit aufhält - ich zeige mein unnachgiebiges Gesicht.
Er wiegt den Kopf, schlägt 45,- DM vor. Einverstanden, Handschlag, Zertifikat, Stempel, ein eigens für Edelsteine aus Palmenblättern geflochtenes Beutelchen. Geschafft !
Nur, unser Geld reicht nicht. Macht nichts, sagt er - gib es im Hotel dem Fahrer, der euch hinbringt. Der gibt es dann mir. Wunderbare Unkompliziertheit...

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