Der erste Blick in die dritte Welt
Ich betrete
die Gangway, deren unteres Ende den Boden Sri Lankas berührt und lasse
mich vom diesem noch unbekannten Land das erste Mal verzaubern. Die Luft flimmert
über den dröhnenden Triebwerken, der Wind bringt keine Kühlung,
verstärkt nur das Gefühl inmitten der heißen Abgase zu stehen.
Das ist die Tropenluft, heiß und selbst für sommerliche Erwartung
ungewohnt. In der Ferne stehen die ersten Kokospalmen, die ich in meinem Leben
sehe. Krähen fliegen über das Rollfeld, in den Fenstern des nahen
Tower spiegelt sich die Sonne. Ein schwache Geruch von Kerosin liegt in der
Luft, vermischt sich mit den Abgasen der niedrigen Busse, die eilig die hetzenden
Neuankömmlinge zum Flughafengebäude bringen.
Wir haben es nicht eilig. Ich möchte zusammen mit meiner Mutter und meinem
fünfjährigen Sohn dieses Land erleben, nicht hindurchjagen. Damit
können wir auch hier beginnen. Der letzte Bus wartet geduldig auf die Crewmitglieder
der bulgarischen Balkanair und bringt uns zusammen mit ihnen ans Ziel.
Nun ist
es fast 24 Stunden her, seit wir Gera in Thüringen verließen. Es
ist fast Mittag, in wenigen Stunden erwarten wir im Hotel zu sein. Noch...
Wir brachen gegen Mittag des Vortages auf, fuhren nach Berlin Schönefeld.
Der Flieger, eine Boing 767 startete am späten Nachmittag, flog zwei Stunden
nach Sofia in Bulgarien. Dort hatten wir drei Stunden Aufenthalt, eine Stunde
mußte die Uhr vorgestellt werden. Gegen Mitternacht flogen wir weiter
nach Colombo. Nachtflug, Versuche in den viel zu hohen, viel zu steilen und
zu engen Sitzen zu schlafen, gerade eingeschlafen dann wieder geweckt von den
Stewardessen, anschnallen, Turbulenzen, Frühstück, hoffentlich macht
wenigstens der Kaffee munter. Er tut es leidlich.
Zeitumstellung - drei Stunden vor. Landung.
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Sofia - diese Flughalle ist für An und Abflug |
Bandaranaike - Colombos Flughafengebäude - die Wartehalle für die Abreisenden |
Vor mehr
als neun Stunden hatten wir also Sofia verlassen. Einen Flughafen, der diese
Bezeichnung nicht mehr verdient. Der eher erinnert an eine Zeit in der verwahrloste
und heruntergekommende Gebäude auf das Konto eines Krieges gingen und irgendwann
wieder aufgebaut werden mußten. In Sofia lagen Dreck und Pessimismus in
der Luft, fielen Putz und tote Fliegen von der Wand und vernebelte der Tabakqualm
zum Glück die Sicht auf das ganze Ausmaß des speckigen Hinterhofsflairs.
Hier in Colombo, inmitten der dritten Welt, steht ein Flughafen von unerwarteter
Sauberkeit und Moderne. Helle, hohe Hallen, übersichtliche Tafeln, nette
Angestellte, ganz das Gegenteil vom Erwarteten.
Die Kühle der Klimaanlage im Flugzeug und den langen, unbequemen Flug in
den Gliedern lassen wir uns von der schwülen, heißen Luft durchwärmen,
bleiben mit unserer recht warmen Kleidung so gut es geht im Schatten und warten
auf den kleinen Bus, der uns zu unserem Reiseziel bringen soll.
Ein eifriger Kofferträger reißt mir förmlich den Kulli aus der
Hand, räumt alles in den hintersten Teil des Busses, zeigt mir stumm ein
Fünfmarkstück. Ich lächle nur. Zu erwarten war das ja, aber fünf
Mark für die drei Meter ? Kofferträger verdienen anscheinend am besten
hier.
Ich gebe ihm großzügig einen Dollar, er lächelt auch, schüttelt
den Kopf, sagt "two". Das geht mir dann doch zu weit. Am Flughafen sind Touristen
noch naiv, weiß er und mit einem Dollar ist sein Dienst mehr als überbezahlt.
Der klimatisierte
Bus fährt los, passiert Soldaten hinter geladenen Waffen, fährt umständlich
um Sandsacksperren herum. Nur hier spüre ich die nahe Gegenwart der Terroristen
und die damit verbundene Angst um den wichtigen Flughafen.
Ich sitze mit meinem Sohn ganz vorn und genieße die chaotische Fahrt.
Ungewöhnlich ist nicht nur der Linksverkehr, auch die atemberaubenden Überholmanöver,
die statt blinken mit hupen angekündigt werden. Nach kurzer Zeit finde
ich diesen Fahrstil einfach fantastisch.
Vor uns fährt gemächlich ein Ochsenkarren, überladen mit sperrigen
Holzbrettern. Fußgänger laufen fast auf der Fahrbahn, barfuß,
Kinder rennen auf dem sandigen Gehweg entlang. Unser Fahrer hupt, der Ochsenlenker
zieht sein phlegmatisches Tier ohne sich umzusehen etwas weiter nach links.
Auf der Gegenseite fährt ein vollbesetzer Linienbus mit offenen Fenstern,
hupend überholt er zwei Fahrräder, auf denen noch zwei Menschen quer
auf den Stangen sitzen, Beide Busse begegnen einander in der Mitte, scheren
knapp voreinander wieder in ihre Seiten ein. Der Fahrer bremst, ein LKW vor
uns, an mehreren Stellen durchgerostet, hat es diesmal nicht geschafft. Der
Fahrer hockt mit einem Kollegen zusammen am rechten Hinterrad und beratschlagt,
wie der platte Reifen am besten zu wechseln sei. Unser Bus überholt die
Pechvögel, sein Spiegel verfehlt den Gegenverkehr, der gerade einen Traktor
überholt, nur knapp.
Kinder in weißer Schuluniform laufen über die Straße, nur vom
Hupen zu schnellerem Gehen genötigt. Ein anscheinend fremder Wagen japanischer
Marke fährt quer über die Straße und parkt umständlich
vor einem Bretterhaus, das sich als Laden entpuppt. Der durch ihn ausgelöste
Stau löst sich schnell auf, indem der Schnellste wieder mal die Langsamsten
überholt.
Die meisten Fahrgäste halten den Atem an. Ich finde es einfach toll, kein
Mensch regt sich auf, niemand zeigt den Stinkefinger oder schimpft aus dem Fenster.
Schafft der Gegenüber ein Überholmanöver nicht, so bremst der
Entgegenkommende und läßt ihn vor sich hinein. Alles verläuft
so geordnet inmitten dieses für deutsche Augen unberechenbaren Chaos.
Ich denke schmunzelnd an einige Kollegen, die cholerisch jedes falsche Fahrmanöver
eines "Idioten" kommentieren und wünsche sie hierher. Keine zwei Kilometer
würden sie kommen und dann sicher an hineingefressenem Ärger platzen.
Unser Weg
führt an der Westküste entlang bis ganz hinunter ans unterste Ende
Sri Lankas. Vom Flughafen sind es ca 30 km bis nach Colombo, von dort noch einmal
fast 160km bis zu unserem Ziel. Für ein Land von der Größe Bayerns
schon fast eine Durchquerung. Für meine Begriffe eine Fahrt von vielleicht
zwei Stunden. Zumindest auf der Landkarte. Bis dahin wußte ich nicht,
daß in Sri Lanka eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 32km/h in der Stadt
und 50km/h außerhalb herrscht. Aus gutem Grund, wie ich erlebe. Hin und
wieder fahren gerade die klimatisierten "Expreßbusse" so schnell, wie
ihr Name vermuten läßt und sorgen für Ausweichmanöver unter
den Langsamen, aber für uns heißt es warten, warten, warten, bis
die fünf Stunden Transfer vorbei sind.
Die einzige Hauptstraße entlang der Küste ist ungefähr so breit
wie eine normale Bundesstraße bei uns. Auf beiden Seiten schließt
sich ein schmaler Sandstreifen an, und gleich danach die Häuschen. In Sri
Lanka gibt es außer in Colombo keine hohen Häuser. Die meisten haben
nur eine Etage, wenn man überhaupt von Haus sprechen kann. Entweder aus
Brettern oder geflochtenen Palmenzweigen gebaut sind sie nichts für die
Ewigkeit, aber billig und so gut wie ohne Materialverlust errichtet. Manche
sind auch aus Stein, einige erinnern an die Kolonialzeit der Engländer.
Die Küste haben wir auf der Fahrt immer im Blick. Palmenhaine, hohe, schaumbekronte
Wellen, Felsen im Wasser, an denen sich die Wellen brechen, gelber Ufersand,
Badende, Hotels, alles wechselt einander ab. Je tiefer wir in den Süden
kommen, desto sauberer wird das Meer, desto blauer und grüner wird es.
Das Leben
spielt sich gleich neben der Straße ab. Überhaupt scheinen die meisten
Ortschaften nur Straßendörfer zu sein. Eine alte grauhaarige Frau
sitzt in der Tür und schält Kokosnüsse mit einer Machete, Kühe
plündern eine Müllhalde zwischen zwei Häusern, dünne, wilde
Hunde jagen einander über die Straße. Mehrere mager aussehende Männer,
nur mit Shorts bekleidet graben an einer Art Wasserleitung, Steine liegen auf
der Straße, hier wird also irgend etwas gebaut. eine braune Kuh überquert
die Straße, denkt nach, bleibt stehen. Der Verkehr wartet, sie sieht sich
um, entschließt sich und geht gemächlich zurück. Eine junge
Frau mit aufgespanntem Regenschirm und gesenktem Blick geht eilig nach Hause.
Mir fällt auf, daß eigentlich alle Frauen gut gekleidet sind. Selbst
wenn sie wohl wenig Geld zur Verfügung haben.
Die vielen Menschen, verschiedenste Hautfarben, von hellbraun bis fast schwarz,
alle schwarzhaarig und mit dunklen Augen, manche barfuß, die meisten in
schwarzen Schlappantoffeln und - hier herrscht irgendwie keine Hektik.
Die Fahrt geht schlangenlinienartig weiter. Kurve, Überholmanöver,
bremsen, ausweichen, Kurve, bremsen. Irgendwann sind wir da.
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